Das Kunstgewerbe in Elsaß-Lothringen — 2.1901-1902

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20o Bürgerliclie oder kirchliche Verwaltung des Liebfraiienstifts in Strassburg.

« die alten Misbräuche bald wieder zu Tage.
« Das Domkapitel2 behielt sich daher nur
«das Recht vor, der Rechnungsablage15
«beizuwohnen und «gab» 1290 die Ver-
«waltung der Einkünfte des Werks dem
« Magistrate ab. »

II. Die Stadtobrigkeit übernahm 1290
die Vorstandschaft des Liebfrauenstifts
kraft eigener Gewalt, nicht zufolge eines
Auftrags des Domkapitels, noch sonstigen
Vertrags. In der kaiserlosen Zwischen-
zeit legten sich namentlich auch am Rhein
nicht nur Reichs1-, sondern oft selbst5 mit-
telbare Städte ausser der «Aufsicht1'' bei
Verwaltung der Kirchenfabrik» ohne
Weiteres das Recht bei, für alle Gottes-
häuser Pfleger, Schaffner (Amtleute,
Kerzenmeister, luminiers, Kerkenmaesters)
einzusetzen7 und dafür zu sorgen, dass
alle Gotteshauseinnahmen8 bestimmungs-
gemäss verwendet würden So beschloss
denn auch zu Strassburg, selbst betreffs des
Münsters, der Stadtrat, «dass9 dies in der
«Gewalt der Bürger stände, nicht mehr,
«wie vorher in der des Bischofs». Auf
Grund der erlangten Reichsunmittelbarkeit
und Landeshoheit erhob der Stadtrat auch
einen Helbeling10 Stadtzoll von jedem Mass
Wein, das in den Münster-Werkhütten
verzapft wurde; gleichzeitig verbot er den
Einwohnern, von Todes wegen (auf dem
Sterbebette oder früher) irgend einem
Gotteshause, sei es auch Unsere-Liebe-
Frau, ohne Wissen und Willen der Erben
mehr als 5 Schilling durch Seelgerede
oder Testament zu stiften. Die Stadt
Strassburg übte also seit und während
ihrer Reichsunmittelbarkeit auch in Kir-
chensachen die Staatshoheit; der Stadtrat
handhabte gegenüber den orts- wie den
landeskirchlichen Stiftungen dieselbe Ge-
walt, wie sie zufolge der Staatsgesetze
auch jetzt noch die meisten Staatsregier-
ungen zur Anwendung bringen, gleichviel
ob die kirchlichen Organen in diese Be-
schränkung ihrer Selbstverwaltung von
vornherein einwilligten und einen Teil
ihrer Zuständigkeit «abgaben» oder nicht.

III. Nur zufolge seiner Kirchen- und
Stiftungshoheit bestellte der Stadtrat die

drei Pfleger und den Schaffner des Lieb-
frauenstifts, nicht auf Grund des Eigen-
tums oder eines sonstigen bürgerlichen
Rechts. Abgesehen von40 den Jahren 1789
bis 1801 (unten V S. 202), erachtete sich die
Stadt nie als Inhaberin freier Verfügungsge-
walt über das Liebfrauenstift. Als i38o der
Stadtrat eine Angelegenheit des Frauen-
werks Gyse empfahl, versprach er ihm
hiefür seinen Dank, «als 12 ob er es unserer
Stadt selber thäte», mit dem Zusätze:
«für die Kosten haften ihm des Frauen-
werks Schaffner und Pfleger111». Gemäss
dem Vergleiche von 1422 zu Speier
schwuren Schaffner und Pfleger «die
Gefälle11 nur zu Unser Liebenfrau Nutzen»
zu verwenden; einer vom Kapitel hörte
jährlich die Rechnung15 mit ab. Wenn die
Stadt einen Teil der Gefälle für Turnier-
sand10 oder Zehrung in der Stiftsküche 17
verwendete, so wurde dies kirchlicher
Seits regelmässig beanstandet. Das Stamm-
vermögen des Stiftes rührte ausschliess-
lich aus dem Ertrage von Sammlungen
oder18 frommer Gaben der Gläubigen
her; der Magistrat behauptete,IJ zwar
I682, auch die bürgerliche Gemeinde
habe Beiträge geleistet; ein Nachweis hiefür
findet sich aber in keiner Rechnung oder
sonstigen Urkunde. Die laufenden oder20
ordentlichen Geldeinnahmen betrugen
i5oi/i5o2: 841 Strassburger Pfund (zu je
■Ji 38,n) aus verkauftem Wein und Korn,
1081 Pfund aus Kapitals- oder Pfennig-
zinsen, 2o5 Pfund aus Kirchensammlungen
und Opferstöcken, io5 Pfund aus sonstigen
Gefällen, zusammen 2282 Pfund oder rund
85,ooo ■.A; 1609: 135,634 ^/z; 1764: 129,296
Mark; 1780 nur noch 105,847 l^as
Stamm vermögen21 beträgt jetzt 900 Hektar
Land und 545,000 JL Kapital.

IV. Auf grösstenteils jetzt noch vor-
handenen Zuwendungen ruhten als22 stift-
ungsmassige Lasten: Weinspenden23 für die
Pilger Weihnachten, Kirchweihe und am
St- Adolfsabend, Seelengottesdienste, Un-
terhaltung des ewigen Lichtes, der Kerzen,
Altäre und der sonstigen Einrichtungs-
gegenstände. Diese Lasten, auch die
Opfergelder21 fielen weg, während das
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