Das Kunstgewerbe in Elsaß-Lothringen — 2.1901-1902

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L. Schott: Die Mode und das Gesetz.

ist es meist umge-
kehrt: wir versu-
chen unsin tausend
Formen. Ueber-
triebene, sonder-
bare Figuren der
Aeusserung sind
hier aber eben so
häufig, als unerläss-
lich. Moden sind
die Fussstapfen der
suchenden Zeit.

Darum lässt
sich wohl die Ten-
denz jeder Epoche
aus den Moden

Biskuitgruppe. Sevres.

(Sammlung Bader.) erkennen, die in ihr
regiert haben, eben
weil Menschen und Völker Allem, womit
sie in Berührung kommen, ihren Charakter
aufprägen.

Je ärmer das Volk, je reicher die
Mode. Wer denkt nicht daran, dass die
famosen Reifröcke, die leichenhafte Lila-
schminke, die pockenartigen Schönheits-
pflästerchen mit den lüderlichen Zeiten
Ludwigs des XV. in Verbindung standen?

Unter Ludwig XVI. trugen die adeligen
Damen Haaraufsätze, die im ersten Stock-
werke schöne Gärten mit Boskets und
Terrassen, im zweiten aber ein ganzes
Linienschiff mit Kanonen, Masten und
Segeln darstellten. Wenn sie zu Hofe
fuhren, mussten sie wegen der Höhe dieser
Aufsätze in der Karosse knien. Ist aber
diese tolle Coiffure etwas Anderes als
der krankhafte, schwülstige Auswuchs eines
der radicalen Verbesserung bedürftigen
Zeitalters? Ich glaube zwar nicht, dass
die Herzoginnen und Vicomtessen von
damals daran gedacht haben, wenn sie
ihre Toilette musterten; aber der Mensch
weiss sich ja in der Regel von dem
Wenigsten, was er thut, Rechenschait zu
geben.

Dazumal hatte nichts, gar nichts
Ernsthaftes Halt in der grossen Welt,
nur allein der Witz, diese zersetzende
Säure ohne eigene Basis, die erst wirksam
wird durch Zerstören.

Wiederum in den ersten Jahren der
französischen Revolution entblödeten sich
die ausgezeichnetesten Frauen nicht, durch
das kurz abgeschnittene Haar niedliche
Henkerbeile zu stecken, wie die Italiene-
rinnen von Aricia und Albano ihren
silbernen Pfeil. Auch Goldschmiede im
Elsass sollen solch zeitgemässe «Haar-
beile» angefertigt haben. Die blutdürstige,
alle tierischen Leidenschaften entfesselnde
Zeit rief jene schamlosen, halbnackten
Trachten hervor, die, als mit dem Drucke
der Umstände die Grausamkeit der Ge-
sinnungen im Tribunale nachgelassen hatte,
in griechische und römische Draperien,
zum Teil in burlesker Weise, übergingen.
Während die zuckende, aus tausend Wunden
blutende Zeit, die sich mit so schmerz-
licher Anstrengung aus den Fesseln des
Her kommens, der Erfahrung in Sitte und
Geschichte herauszuwinden und in einen
möglich scheinenden idealischen Typus
zurückzukehren strebte, folgte auch die
Mode beharrlich dem Glauben des Tages;
aber freilich ging sie rasch vorüber und
fast spurlos, weil ihr die Besinnung fehlte.

Wir kennen die majestätischen Schlepp-
kleider, die imponierenden gestickten Fracks
der Kaiserzeit, die sich prächtig auf den
Trümmern der Republik erhob. Kleider

Biskuitgruppe. Sevres.

(Sammlung Bader.)
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