Das Kunstgewerbe in Elsaß-Lothringen — 2.1901-1902

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Prof. Anton Seder: Der Reinhardbrunnen in Strassbnrg.

eine Höhe gelangt ist, dass er sogar von
seinen Fachgenossen als einer der aller-
ersten in seiner Kunst anerkannt wird,
und ist dieses Werk, wie bei einem solchen
Künstler nicht anders zu erwarten, durch
und durch originell, gänzlich anders in der
Auffassung, in der Mache und im ganzen
Ensemble, so ist eigentlich ganz selbst-
verständlich, dass die Kritik des sich
Berufenfühlenden, sowie jedes Unberufenen
damit herausgefordert wird.

Anders wird diese Kritik ausfallen
in einer grossen Kunststadt, wo das
Publikum durch fortwährendes Sehen von
Kunstwerken des Altertums und der Neu-
zeit sich ein gewisses Urteil in Kunst-
sachen anerzogen hat, als in einer Nicht-
kunststadt, wo dem Publikum künstlerisch
nur wenig geboten werden kann.

Hier in unserem lieben Strassburg
ist durch die Gunst ganz besonderer Um-
stände ein durch die Meisterhand Adolf
Hildebrands geschaffenes Denkmal zur
Aufstellung gelangt, welches alle Eigen-
schaften eines wahrhaft grossen, hoch-
künstlerischen Werkes neuzeitlicher Plastik
in sich trägt. Ein Kunstwerk so gross
in seiner Einfachheit, dass es den besten
Arbeiten der Antike und der Renaissance
an die Seite gestellt werden darf. Ein
Werk, welches erhaben über jeder ab-
fälligen Kritik steht und um welches
Strassburg von der ganzen Kunstwelt
beneidet werden wird! Nur der Unver-
stand oder der Neid der Fachgenossen
wird dieses nach jeder Richtung hin ge-
lungene Meisterwerk bemängeln.

Den « Vater Rhein » nennt Hildebrand
sein Werk, welches als Symbol den Ab-
schluss einer Brunnenanlage bildet, die
mit ihrem kristallklaren sprudelnden
Wasser in ein längliches Becken aus-
laufend, ein geradezu erfrischendes und
belebendes Motiv auf den alten Rossmarkt
bringt. Die ganze Anlage erinnert an
eine ähnliche monumentale Rossschwemme
aus der Zeit des Barocco auf dem Dom-
platz in Salzburg, welche dem ganzen
Platz zur besonderen Zierde gereicht.

Wundervoll im Grössen Verhältnis ist

die hiesige Gesamtanlage, welche durch
den Portikus des Theaters ihren Abschluss
erhält und zur Hauptfigur den Hinter-
grund bildet. Die schwierigste Aufgabe,
die sich ein Plastiker stellen kann: die
Errichtung einer vollkommen nackten
Figur ohne alles Beiwerk auf einem
solchen Hintergrund mit seiner massigen
Architektur und ihren wuchtigen Säu-
len, ist hier gelöst, wie es eben nur-
einem Künstler gelingt, der auf der
Höhe Hildebrands steht. Auch die Far-
benwirkung der olivgrünen Bronze auf
dem rötlichen Sandstein des Theaters ist
besonders am Abend bei tiefem Stand der
Sonne von einer malerischen Wirkung,
die entzückend ist. Betrachten wir nun
die Figur als Verkörperung des Rheines,
so sehen wir daraus vor allem den tief
denkenden scharf beobachtenden Künstler,
der den Strom, wie er sich uns hier in
Strassburg zeigt, genau studiert und ihm
seine Tücken abgelauscht und so charak-
teristisch wie nur möglich zur Darstellung
gebracht hat. Diese wilde, ungebändigte
Kraft, das Tückische der wirbelnden
Strömung unter der sonnig lächelnden
Oberfläche ist im Gesicht des alten und
doch ewig jungen Vater Rheins zum Aus-
druck gebracht, wie es eben nur ein
Künstler allerersten Ranges fertig bringt.
Wie einfach und breit ist dieser Kopf, der
ganze Körper modelliert! Frei von aller
technischen Mache, von aller Manieriert-
heit, alles von einer künstlerischen Auf-
fassung, von einer Technik, wie wir sie
nur an den besten Bronzen der griechischen
und römischen Kunst zu sehen bekommen.

Man mag unsern Vater Rhein be-
trachten von welcher Seite man will,
jeder Zoll ein Meisterwerk, an dem man
sich nicht satt sehen kann. Je länger
man das Kunstwerk betrachtet, um so
mehr kommt uns die Schönheit desselben
zum Bewusstsein und tritt uns die hohe
Meisterschaft Hildebrands entgegen, der
mit seinem Vater Rhein sich selbst ein
unvergängliches Denkmal gesetzt hat, das
für alle Zeiten bestehen wird.

Ant. Seder.
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