Dengler, Georg [Editor]
Kirchenschmuck: Sammlung von Vorlagen für kirchliche Stickereien, Holz- & Metallarbeiten & Glasmalereien — N.F. 4.1888/​95

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Ein großes Kunstwerk der Stickerei ist kürzlich als Geschenk der
Diözese Regensburg zum 50jährigen Priesterjubiläum
des hl. Vaters nachRom abgegangen. Während andere Diözesen
nach dem Rathe des römischen Zentralkomitö-s bemüht waren, durch
Herstellung von kirchlichen Paramenten und Gefäßen zur Vertheilung
an die Missionäre der katholischen Kirche dem Vater der Christenheit
ihre Liebe und Dankbarkeit zu bezeigen, hatte man in Regensburg
den glücklichen Gedanken gefaßt, einen ganz aus kunstvollen Stickereien
bestehenden Altar sammt Zubehör zum eigenen Gebrauche des
hl. Vaters für eine seiner Privatkapellen als Jubiläumsgabe zu
widmen, nachdem schon die zum Papstjubiläum Pius' IX. von der
Diözese Regensburg geschenkten Pontifikalornate wegen ihrer hohen
Schönheit und hervorragenden künstlerischen Ausstattung von dem ge-
nannten Papste zum eigenen Gebrauche bestimmt worden waren.

Seit dem Herbste vorigen Jahres arbeiteten die sämmtlichen
Stickerinen in vierzehn der größeren weiblichen Klosterkonvente des
Bisthums an diesem Kunstwerke und haben in der verhältnißmäßig
kurzen Zeit von nicht ganz einem Jahre mit wahrem Bienenfleiße
dieses über fünf Meter hohe, mit zahlreichen Bildern und herrlichen
Ornamenten in Gold und Farbe reich geschmückte Altarwerk her--
gestellt. Gleichzeitig arbeiteten in der Stickkunst geübte Frauen und
Jungfrauen in Regensburg, Amberg, Deggendorf, Straubing, Kel-
heim und Ettmannsdorf an dem großen, nach ücht orientalischen
Mustern gefertigten Fußteppiche.

Der Altar, nach dem Entwurfe und unter der Leitung des Heraus-
gebers dieser Zeitschrift ausgeführt, besteht aus drei Haupttheilen: dem
Altartische mit dem Leuchteraufsatze von 1,40 Meter Höhe und 2,20
Meter Breite; dann einer ebenso breiten in Form eines Teppichs auf-
gehängten Rückwand von 3,60 Meter Höhe; endlich einem von präch-
tigen messingvergoldeten Trägern gestützten, weit vorspringenden
Baldachin von 2,20 Meter im Gevierte. Das dem Ganzen als
Stütze dienende Holzgerüste ist sehr sinnreich konstruirt, so daß es
d leicht auseinander genommen und in jedem genügend hohen Zimmer,
das als Hauskapelle dienen soll, wieder aufgeschlagen werden kann,
und ist aus der Werkstätte des Herrn Schreinermeisters Kandlbinder
in Negensburg hervorgegnngen. Auf dem Antritte des Altars wird
der schon früher erwähnte Fußteppich, von Frauen und Jungfrauen

der Diözese nach einem altorientalischen farbenreichen Muster gestickt,
mit einem Flächeninhalte von fast 20 Quadratmetern, ausgebreitet
Denselben umgibt von vier Seiten die Jnschrift:

Luiiotissiino kutri Iwoiii ??. XIII.

Löinioasvuluria Laosrckotii Oslsstrunti
Olorus i0opulu8gus Oioso. RutiZlioiiousis
Oords gratisoimo I). v. v. Limo NVOOOOXXXVV.

Das Antipendium ist ringsum mit Stickereien bekleidet. Die
Vorderfront ziert in der Mitte ein prächtiges Medaillon, die Ver-
kttndigung Mariä darstellend, in Weiß und Gold auf blauem Grunde;
zu beiden Seiten stehen unter romanischen Baldachinen, die von feinen
Säulchen getragen werden, die vier Heiligen-Figuren: S. Leo,
S. Joachim (Namenspatrone des hl. Vaters), S. Michael, dessen
Schutz Papst Leo in dem täglich an den Stufen der Altäre zu ver-
richtenden Gebete die heilige Kirche anempsohlen hat, und S. Francis-
'cus Ser., mit Rückstcht auf den vom jetzigen Papste so vorzüglich ge-
förderten III. Orden. Dieses herrliche Antipendium üst die Frucht
des Fleißes vieler kunstgeübter Stickerinen im Kloster Pielenhofen;
die Seitentheile desselben bilden auf goldgelbem Grunde einerseits
das püpstliche, anderseits das bischöfliche Wappen von Regensburg,
reich in Applikationsmauier und Plattstich, hervorgegangen aus den
Klöstern Niederviehbach und Aiterhofen. Die Einfassungen
dieser Stickereien, bestehend in rothem Seidensammt mit reicher Gold-
verzierung und aufgesetzten Steinchen, sowie die schöne Seidendecke
zum Meßpulte lieferte das Kloster der Dominikanerinen zum
hl. Kreuze in Regensburg. Ein Prachtstück ersten Ranges bildet
die Leuchterstufe; zwei breite vergoldete Metallstreifen mit großen
Glasflüßen und Reliquienkapseln besetzt, umfassen eine in spanischem
Spitzenstiche ganz in Gold auf rothem Sammt ausgeführte Ornament-
stickerei, ein Werk der Nonnen von der Heimsuchung in Oberroning;
in diese Ornamentik eingeschlossen sind vier Rundmedaillons, welche
in vollendetem Plattstich — von einem zarten Gemälde kaum zu
unterscheiden — die Brustbilder der vier Bisthumspatrone St. Wolf-
gang, Emmeram, Dionps und Erhard darstellen; dieses Meisterwerk
der Stickkunst ist im Kloster Waldsassen entstanden, welches außer-
dem auch noch den großen Ornamentrahmen um das Hauptbild mit
feinstem Geschmacke herstellte. Ueber der Leuchterbank ist nun das

große Hauptbild, eins thronende Madonna mit dem Jesukinde, um-
geben von einer ^2 Meter breiten prächtigen Bordüre, aufgehängt.

Das Bild selbst, über 2 Meter hoch, einem ungemein lieblichen Fresko-
bilde der Beuroner Mönche im Kloster Emaus nachgebildet, ist der
brillanteste Theil des Altares, sowohl wegen seiner Größe als kunst-
reichen Ausführung; alle möglichen Sticharten wurden angewendet,
um dieses Nadelgemälde, gehoben durch den Glanz von Gold und
vielen Steinchen und Perlen an den Säumen und den beiden Nimben,
wie plastisch aus dem dunkelgrünen Vorhange heraustretend, her-
zustellen. Man weiß nicht, ob man mehr diL Feinheit des Plattstiches
an Köpfen und Händen, oder die schöne weiche Farbengebung an
dem hellblauen Mantel der Madonna, oder die vollends täuschende
Wirkung des in reichen Falten aufgehängten Sammtvorhanges, in
den kräftigsten Schattirungen von Hell- und Dunkelgrün bewundern
soll. Eine reiche, in Metall gearbeitete Agraffe mit einem großen
Topas, ziert den Mantel der Madonna. Das Ganze ist ein Werk,
das dem Kunstsinne und Fleiße der Stickerinen des Klosters M a llers-
dorf alle Ehre macht. Die das herrliche Bild umgebende reiche.
Bordüre, mit romanischem Pflanzenwerke in milder Farbenabwechs-
lung auf galdenem Elrunde, wird von zwei hellblauen Streifen ein-
gefaßt; auf dem inneren derselben, der das Bild zunächst berührt,
sind in silbernen Buchstaben die Worte aus dem Breviere eingestickt:
vsutu vsi dsuitrix Nuria, Virgo psrpstuu, tsinxluui voiuiui,
sLsruriurn 8piritu8 Luusti, solu 8ins sxsrnplo plasuisti Ooinino
nogtro llssu Oliristo. Die äußeren Streifen zieren silberne Lilien
und goldene Rosen — wie schon ermähnt, ein Werk der Klostcrfrauen
des Cisterzienserordens in Waldsassen. Die Cisterzienserfrauen in
Seligenthal bei Landshut lieferten hierzu die bilderreichen Me-
daillons an den Ecken, nämlich die Heimsuchung Mariä, Christi Ge-
burt, Darstellung im Tempel und Wiederfindung im Tempel, ebenso
in Weiß und Gold auf blauem Grunde aüsgeführt, wie das Bild
der Verkündigung im Antipendium, und mit diesem die fünf Geheim-
nisse des freudenreichen Rosenkranzes darstellend; ist es ja ein Lieb- d
lingswunsch des heiligen Vaters, daß das Rosenkranzgebet in der A,
ganzen katholischen Kirche immer mehr gepflegt und gefördert werde.
Zwischen diese Eckbilder sind sechs runde Medaillons mit spmbolischen
Darstellungeu aus der lauretanischen Litanei, in Applikationsmanier
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