Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 1.1902-1903

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im Gespräch vorbei geht, zögernden Schrittes
einen Bogen nach dem Fenster schlägt und
ohne Gespräch oder Gang zu unterbrechen,
den Blick einen Husch auf die Suche schickt.

Wer stehen bleibt — und es lohnt sich
immer — kann an der obern Auslage ein Ver-
zeichnis der Gedanken, Techniken und Mate-
rialien aufnehmen, die der heutigen Gold-
schmiedewerkstatt eigen sind. Viel ist in
keiner Richtung vorhanden, ja, eigentlich
erschreckend wenig. An ornamentalen Ge-
danken giebt es den Stern, den Halbmond, den
Blumenzweig, den Schmetterling, die Libelle,
zeitweilig auch die Spinne, man weiss nicht,
wie ein Goldschmied auf dies nicht sehr an-
genehme Tier verfallen ist, vielleicht war
etwas Aberglaube dabei, da der Schmuck ja
abends getragen wird. Dazu natürlich die ein-
fachen Reihungen der Halsbänder und Perl-
schnüre und einige ganz unverständliche
Schnürkelformen. Ich glaube, ich habe nichts
vergessen. Diademe, Kämme, Armbänder
pflegen mit noch geringerem Aufwand an Er-
findung hergestellt zu werden.

Und die Gestalten der Blätter, Blüten,
Schmetterlinge und Libellen sind ohne jegliche
Anlehnung an eine erkennbare Naturform ge-
bildet. Sie stellen das Blatt, die Blüte, den
Schmetterling an sich dar.

In der Silhouette, den Umrissen, als Fleck
und Linie sind diese Formen durchweg sehr
wenig gefühlt. Es scheint, als ob man nach
Möglichkeit vermeiden will, irgend etwas
ausser dem Material selbst wirken zu lassen
und sich vor jedem Element Kunst ängstlich
hütete.

Dies Material besteht nun fast ausschliess-
lich aus Brillanten (die schon fast ordinär
wirken) und Perlen. Farbige Edelsteine wie
Smaragd, Rubin, Saphir kommen seltener
vor, und man nutzt ihre Eigenschaften fast
niemals aus. In den letzten Jahren begegnet
man namentlich in Ringen wieder den rund-
geschliffenen farbigen Edelsteinen. Zunächst
sind sie wohl aus praktischen Rücksichten
glatt beliebt. Aber an diesen wenigen ersten
Versuchen wird man lernen, dass der farbige
Edelstein seine besten Eigenschaften aufgiebt,

wenn man ihn zwingt, mit vielen Facetten den
Diamanten nachzuahmen.

Das Gold ist aus dem vornehmen Schmuck
fast ganz verschwunden. Es hält sich eigent-
lich nur noch an Armbändern und Ringen,
wo man es nicht entbehren kann. Man wird
es wohl als Stoff nicht wertvoll genug halten.
Ich habe nirgend beobachtet, dass man die
künstlerischen Mittel, die der Stoff des Goldes
bietet, irgendwie ausgenutzt hätte. Ein
modernes Schmuckstück, das sich auf eine
Mondferne dem herrlichen Goldschmuck der
späten Bronzezeit in Kopenhagen, dem Gold-
schmuck aus der Zeit Alfreds des Grossen, wie
er vergangenes Jahr im British Museum aus-
gestellt war, dem etwas jüngeren Schmuck der
deutschen Fürstin im Besitz des Freiherrn
v. Heyl nähern dürfte, ist mir nicht bekannt.

Die technische Arbeit in diesen neuzeitigen
Auslagen vornehmsten Schmucks ist mehr die
des Mechanikers, der für die grösstmügliche
Sicherheit der Befestigung zu sorgen hat, als
die des Künstlers, der alle besonderen Eigen-
schaften seinesMaterials zur Geltung zu bringen
wünscht.

Es hat etwas Erschreckendes, wenn einem
zum erstenmal die Einsicht kommt, dass beim
vornehmsten Schmuck unserer Zeit nicht der
schmückende Wert zuerst und zuletzt gesucht
wird, sondern ohne Rücksicht auf die künst-
lerische Wirkung der rein materielle.

Seit vielen Jahren haben wir dies eingesehen,
und Künstler und Kunstfreunde haben immer
wieder auf die unberührten Möglichkeiten
schmückender Wirkungen hingewiesen, die
in aufgegebenen alten und neuen Techniken
und tausend edlen ebenso vernachlässigten
Stofien liegen.

Vor einem Jahrzehnt schien dann mit einem
Schlage eine neue Zeit anzubrechen, da die
Künstler anfingen, sich mit Entwürfen für
Schmucksachen zu befassen. Und was sie
brachten, hat weite Gebiete völlig umge-
wandelt. Aber vorläufig nur die des niedern
Ranges. Das unterste Fach der Goldschmieds-
läden fasst die Ergebnisse zusammen.

Hier lassen sich eine ganze Anzahl Techniken
entdecken, die der vornehme Schmuck vei-

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