Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 1.1902-1903

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Von Memling standen mehr als 30 Bilder
nebeneinander;, dabei die Hauptwerke aus dem
Johanneshospital, die fast sämtlich datiert sind.
Man trat vor diese Werke, begierig, eine Ent-
wickelung darin zu finden, nach der alten
Gewohnheit der Historiker, man wünschte,
die gliederreiche Kette zu einer Art von Bio-
graphie zu ordnen. Die Perlen dieser Kette
sind aber nach Glanz, Farbe und Art unter-
einander allzu ähnlich. Keine wesentliche,
in die Tiefe reichende Wandlung ist zu be-
merken. Seit bekannt ist, dass Memling aus
Deutschland stammt, hat es nicht an Bemüh-
ungen gefehlt, den Einschlag deutscher Art
im Gewebe seiner Kunst zu finden. Auch
diese Bemühungen sind ganz erfolglos ge-
blieben.

Die Memling-Ausstellung, die den popu-

lären Erfolg der ganzen Veranstaltung ent-
schieden herbeigeführt hat, bot keine Ueber-
raschungen, bestätigte und befestigte nur
bekannte Vorstellungen. An Liebreiz und mass-
voller Anmut übertrifft Memling alle nieder-
ländischen Meister des 15. Jahrhunderts, und
die Empfindung, mit der er die wieder und
wieder gestalteten Motive belebte, bleibt rein
und echt in dem etwas eintönigen Betriebe.
Die Feierlichkeit und Monumentalität Gerard
Davids, die freilich etwas dumpf und un-
lebendig erscheint, hat Memling nie erreicht,
ebensowenig wie die straffe Dramatik Rogers,
oder die tiefe, selbst ekstatische Empfindung
des van der Goes oder die sachliche Einfalt
und Innerlichkeit des Dirk Bouts, innerhalb
ihrer festen Grenzen aber ist seine Kunst un-
tadlig und vollkommen.

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LEOPOLD GRAF KALCKREUTH, LANDSCHAFT
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