Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 1.1902-1903

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sämtlichen Eigenschaften. Hier ist seinHumor,
seine Humanität, sein Sinn für Charakter und
Schönheit. Auf diesem Bilde tritt seine grosse
Vorliebe für den Süden zu Tage; die Scene
ist in eine italienische Renaissancehalle verlegt,
der Abendmahlstisch mit italienischem Wein
und italienischen Früchten gedeckt, die
Gäste bestehen aus dem italienischen Volk
der Strassen und Gassen. Dieses Bild sowie
seine übrigen Arbeiten in der Hirschsprung-
schen Sammlung geben indessen nur eine
Vorstellung von der Art, nicht von dem Um-
fange von Marstrands Genie. Vor einigen
Jahren hatte der kopenhagener Kunstverein
eine Ausstellung veranstaltet, in der so ziemlich
seine gesamte Produktion gesammelt worden

war. Erst hier wurde man richtig gewahr,
dass die Gabe, Bilder in unerhörter Zahl
zu schaffen, Marstrands geniale Fähigkeit war,
die ihn über die vielen ausgezeichneten Talente
der dänischen Malerschule erhebt. Der oft
angewandte, fast immer missbrauchte Ver-
gleich von der Phantasie eines Künstlers mit
einem Kaleidoskop passt auf ihn. Denn es
erschien wie die Folge eines rein kaleido-
skopischen Spieles seiner Phantasie, dass sie
nicht nur schaffen, sondern ununterbrochen
den Stoff, mit dem sie sich beschäftigte, zu
neuen Bildern stets grösseren Charakters, ja
zuletzt zu Bildern wirklich grossen Stiles um-
schaffen konnte.

(Schluss folgt.)

C W. ECKERSBERG, PORTRÄT VON MADAME SCHMIDT
(GEMALT l8l8 — AUSGESTELLT l8-!l)
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