Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 1.1902-1903

Seite: 151
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CHRONIK

BERLIN

Der Secessiouszvoist. — Der Vorstand der mün-
chener Secession hat der berliner Secession mit-
geteilt, dass man in Zukunft auch ausserhalb
Münchens nur noch als geschlossene Gruppe aus-
stellen wolle, dass 150 Werke für die nächste
Sommerausstellung vorgesehen seien und dass
man sich, da das Gebäude der berliner Secession
für eine so grosse Sammlung der Münchener zu
klein sei, nach einer andern Ausstellungsgelegen-
heit in Berlin umsehen werde. Die berliner Se-
cession betrachtete diese Mitteilung als einen
offenen Bruch.

So nebensächlich die Trennung der beiden Se-
cessionen aucli scheinen mag, weil sie nur eine
interne Frage des Ausstellungswesens betrifft —
denn es ist im Grunde gleichgültig, wo gute Bilder
gezeigt werden — so ist sie doch in mancher Hin-
sicht höchst bedauerlich.

Es ist in den letztenjahren viel von dem Kunst-
streit zwischen Berlin und München die Rede,
und es ist keine Frage, dass die Absage der Mün-
ebener eine Folge dieses Kunststreits ist. Das
Verlangen der Münchener, im nächsten Jahr
in Berlin 190 Werke auszustellen, und die Un-
möglichkeit, diesem Verlangen Rechnung zu tra-
gen, kann der wahre Grund für die Absage kaum
gewesen sein. Wenn das Gebäude der berliner
Secession nur Raum für etwa 350 Werke hat, so
konnten die Münchner sicher sein, dass kein Raum

für etwa 150 Werke aus München geschaffen wer-
den könnte. Für eine Eliteausstellung(v on Arbeiten,
die neuentstanden sind) bringen die Münchener gar
nicht eine solche Anzahl Werke auf: es wird uns
schwer, zu glauben, dass die Münchener es wirklich
nötig hatten, Raum für 150 Werke zu verlangen.
Ihr Verlangen muss jeden befremden, der weiss,
wie schwer es den Delegierten der berliner Se-
cession, die in jedem Jahr die münchener Ateliers
besuchten, wurde, aus München 40—5:0 Werke
zusammenzubringen, die die münchener Kunst wür-
dig repräsentierten. Alljährlich bemühte man sich
seitens der berliner Secession um die Münchener.
Persönliche Einladungen ergingen nach München,
der Secession wurde für ihre Mitglieder Hängefrei-
heit, im letzten Jahr sogar eine eigene Hängekom-
mission zugestanden. Man Hess es also in keiner
Weise an Bemühungen fehlen, um für eine würdige
Vertretung der münchener Kunst zu sorgen.

Völlig anders verhielt sich die münchener Seces-
sion gegenüber den berliner Künstlern. Diese wur-
den kaum mit persönlichen Einladungen bedacht.
Nun ist freilich ja die Situation der Münchener eine
andre als die der Berliner. Es spricht dabei nicht nur
der alte Gegensatz von Süd und Nord mit, Lässig-
keit und Betriebsamkeit, sondern auch der Gegen-
satz von älterer, reicher malerischer Kultur, die
es „nicht mehr nötig hat", auf Eroberungen aus-
zugehen , und einer neuen, in der Bildung be-

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