Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 1.1902-1903

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BÜCHER BESPRECHUNGEN

H. Modern, Giovanni Batfista Tiepolo, eine
Studie. Wien, Artaria 1902. — Modems Arbeit
ist nur eine Gelegenheitsschrift, aber ihre Be-
deutung geht darüber hinaus. Es galt, ein paar
hervorragende Gemälde G. B. Tiepolos, die Herr
Artaria in einem alten Geschäftshaus am Kohl-
markt,die wir beim Abbruch leider entdecktliatten,
weiteren Kreisen bekannt zu machen. Diese Ge-
legenheit hat der Verf. zu einer Studie über die
künstlerische Entwickelang des venezianischen
Meisters benutzt, die er auf der Kenntnis seines
reichen oeuvre aufbaut und in der er fast alle
seine Werke, wenn auch nur meist ganz kurz, er-
wähnt. Modern verwertet geschickt die beiden
dürftigen Urkunden, die bisher, namentlich durch
die Forschungen von Molmenti und Urbani de
Gclthof, über Tiepolos Leben bekannt sind; sein
Hauptverdienst ist aber die Benutzung von ein
paar gleichzeitigen Quellen, die für die Geschichte
des Künstlers noch so gut wie gar nicht berück-
sichtigt worden sind: V. da Canals Leben des
Greg. Lazzarini, eines der Lehrer Tiepolos, und
Farsettis Beschreibung der Bilder im öffentlichen
Besitz zu Venedig, die 1732 und 1733 erschienen.
Darin sind alle bis dahin entstandenen Werke
Tiepolos aufgezählt; über die Jugendarbeiten des
Künstlers waren wir aber bislang fast ganz im Un-
Waren. Auf Grund dieser u.a. Quellen hat der
Verfasser die Freskencvklen in Venedig und im
venezianischen wie die zahlreichen Altarbilder
und Tafelgemälde des G. B. Tiepolo in den

Galerien Europas, bis nach Petersburg und Edin-
burg (diese Galerien enthalten wohl seine beiden
schönsten grossen Gemälde auf Leinewand), ge-
prüft und stellt nach dieser gründlichen Vorbe-
reitung das Malerwerk des Künstlers kurz zu-
sammen und scheidet aus, was Kopien oder Werk-
stattarbeiten sind, namentlich auch die Arbeiten
seiner Söhne, die ihm bis zum Tode treue Gehilfen
waren. Seiner Zusammenstellung Hessen sich im
Privatbesitz oder sonst versteckt noch ein paar
Dutzend Gemälde anfügen, die aber das Bild des
Künstlers und seiner Entwicklung nicht ändern
würden. Über Tiepolo besitzen wir bisher noch
keine auch nur halbwegs genügende Monographie;
da über das lange angekündigte Werk von Eduard
Sack nichts mehr verlautet, so findet Dr. Modern
hoffentlich Gelegenheit und Müsse, den Künstler
in einer ausführlichen Monographie zu behandeln,
die bei der Bewunderung unserer Zeit für den
Künstler aufs günstigste aufgenommen werden
würde - sicher günstiger als gewisse Gelegenheits-
arbeiten über Themata, die dem Verfasser fern
zu liegen scheinen, wie seine Studie über Jacob
van Ruisdael in den Graphischen Künsten, bei
deren Lektüre man annehmen könnte, in den
letzten dreissig Jahren wäre über holländische
Kunst nichts veröffentlicht worden.

Eine Ansicht wird Modern bis dahin noch re-
formieren müssen: erbehauptet, dassG.B. Tiepolo
in die Landschaften seines Schwagers Francesco
Guardi die Figuren gemalt habe, wo diese den

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