Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 1.1902-1903

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artigen Werken, die ich von ihm sehen konnte,
finde ich ein tiefes aber anspruchsvolles Em-
pfinden, das mit einer trockenen oder wirren
Malerei ringt.

Ich sehe in den Malern Prosaiker und
Poeten.

Das Gebundene, das dem Verse eigen ist
und ihm so viel Kraft giebt, gleicht der ver-
borgenen Symmetrie, dem Gleichgewicht, das
die Annäherung oder das Auseinandergehen
der Linien, die Flecken, die Verteilung der
Farben regelt.

Dies Thema ist leicht durchzuführen. Man
braucht nur lebhaftere Thätigkeit und eine
grössere Feinfühligkeit, um den Fehler, den
Missklang, die falsche Beziehung von Linien
und Farben herauszufinden, als zu merken,
ob ein Reim unrein, ein Halbvers ungeschickt
ist oder hinkt. Aber die Schönheit der
Verse besteht nicht in der Genauigkeit, mit
der die Regeln befolgt sind, deren Ueber-
tretung auch dem Unwissendsten in die Augen
springt. Sie beruht in tausend Harmonieen
und verborgenen Schönheiten, welche die
dichterische Kraft ausmachen und die Phantasie
anregen. Ebenso wirkt die glückliche Wahl
der Formen und ihre wohl verstandene Be-
ziehung in der Malerei auf die Einbildungs-
kraft.

Die Thermopylen von David sind Prosa.
Männliche und kräftige Prosa, das gebe ich
zu. Poussin wirkt fast immer nur durch die
mehr oder weniger ausdrucksvolle Panto-
mime. Seine Landschaften sind freilich von
einer höheren Anordnung. Doch scheint bei
Poussin wie bei den Künstlern, die ich Prosaiker
nenne, der Zufall die Töne zusammengestellt
und die Linien der Komposition geordnet zu
haben. Die poetische oder ausdrucksvolle
Idee frappiert einen nicht auf den ersten Blick.

Bei Meissonier seine Zeichnung der Barri-
kade angesehen. Sie ist von einer schauer-
lichen Wahrheit und obgleich man nicht sagen

könnte, dass irgend etwas nicht richtig wäre,
so fehlt doch vielleicht das undefinierbare
Etwas, das aus einem hässlichen Gegenstand
ein Kunstwerk macht.

Ich muss dasselbe von seinen Naturstudien
sagen. Sie sind noch kälter als seine Kom-
position. Trotz alledem ausserordentliche
Leistung.

Ich sehe zu meiner Belehrung und meinem
Tröste mehr und mehr die Bestätigung dessen,
was mir Cogniet letztes Jahr bei Gelegen-
heit des „von Löwen angefallenen Mannes"
sagte, als er dies Bild neben den Kühen von
Frl. Bonhcur sah; nämlich dass es in der
Malerei etwas anderes gäbe als die Richtig-
keit und die getreue Wiedergabe des Modells.
Ich hatte heut morgen eine ähnliche, aber viel
bestimmtere Empfindung, da es sich um eine
ganz untergeordnete Malerei handelte. Als
ich von der Besichtigung von Dubufes Figur
nach Hause kam, schienen mir die Bilder in
meinem Atelier und unter anderm mein trau-
riger Marc Aurel, den ich immer für so schlecht
gehalten habe, wahre Meisterwerke zu sein.

Heut morgen betrachtete ich einige Zeich-
nungen und bemerkte die unverbesserliche
Kälte dieser Stücke. Ich kann sie nur auf
die übermässige Acngstlichkeit zurückführen,
die dem Künstler niemals erlaubt, sich.von
dem Modell zu emaneipicren. Gerade weil
sie zu vollkommen sein wollen, sind diese
Figuren unvollkommen.

Ein Anflug von dieser übertriebenen Ge-
nauigkeit findet sich in der ganzen Schule,
die bei Poussin und den Carracci beginnt.
Die Anständigkeit ist sicherlich eine Tugend,
aber sie wirkt nicht gerade reizvoll. Ich
möchte die Grazie der Figuren eines Correggio,
Raffael, Michelangelo, Bonasone, Primaticcio
mit der einer entzückenden Frau vergleichen,
die einen bezaubert, ohne dass man wüsste
warum. Die kalte Richtigkeit der Figuren
des französischen Stils dagegen mit jenen
grossen schöngewachsenen Frauen, die keinen
Reiz haben.

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