Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 1.1902-1903

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Eindruck des aufliegenden Schnees thatsäch-
lich erreicht hat, aber doch auch wieder der
Phantasie allerlei krause Stickmuster durch
den Gang der weissen Flächen vorzaubert.

Eine der Zierden der letzten Schwarz-
Weiss-Ausstellung der berliner Secession war
sein fast drei Meter langes Aquarell „der
Krönungszug".

Eine Reihe der sonderbarsten Ritter und
Pagen, in ihrer Mitte der gekrönte Herrscher
in einem Kostüm, reich, geschmackvoll und
schrullenhaft zu gleicher Zeit.

Durch seine schöne grosse Farbenwirkung
in die Ferne erregt dieses Bild Strathmanns
zuerst die Aufmerksamkeit des Beschauers.
Dann aber wandelt sich diese Aufmerksam-
keit in bewunderndes Erstaunen, wenn in der
Nähe betrachtet die reizvolle Ornamentik auf
Rüstungen und Gewändern, die fleissige Durch-
führung der Blumen und Gräser zur Geltung
kommt.

Reichhaltige Muster für Tapeten, Menüs
und Buchzeichen vervollständigen den Rahmen
seines Schaffens.

Dass in seiner Kunst vieles, manchmal sehr
vieles tadelnswert erscheint, ist selbstverständ-
lich; erscheint doch der am meisten mit
Fehlern behaftet, der seiner Mitwelt um einige
Nasenlängen voraus ist und glaubt doch jeder
Laie, sein Kunstverständnis damit dokumen-
tieren zu können, wenn er recht viele schein-
bare Fehler an das Tageslicht zerren kann.

Das ändert aber nichts an der Thatsache,
dass Strathmanns Kunst aus der Masse der

heutigen Bilderproduktion als ein Merkstein
hervorragt; immer sichtbarer wird sein Wert
emporsteigen, nachdem das Mittelmässige der
wohlverdienten Vergessenheit anheimgefallen
sein wird. Emile Zola sagt an einer Stelle in
seinen Aufsätzen über die Malerei: „Es giebt
eine ewige Wahrheit, die mich in der Kritik
aufrechthält: dass die Temperamente allein
leben und die Zeitalter beherrschen".

Ein Temperament, eine Individualität ist
Strathmann gewiss. Mag er noch ringen, der
Kampf ist ja der Reiz des Lebens und nichts
ist dem sterbenden Menschen verderblicher
als wenn ihn Fortuna bereits am Anfang seiner
Laufbahn mit Gaben überschüttet, mit Gold
und dem Lorber.

Wie vielen sind diese Geschenke zur Fessel
geworden. Wie viele haben sie gleich Blei-
gewichten umklammert und ihre aufstreben-
den Ideale in den Sold des tyrannischen Mode-
geschmacks herabgezogen.

Mancher flucht diesem falschen Glück, so-
bald er aus der Mode gekommen. Bei leben-
digem Leibe ein toter Mann.

Doch das Ringen und Zwingen des wider-
strebenden Geschickes stählt die Kraft; der
Glaube an sich selbst richtet den Müden
immer wieder auf und am Ende des Kampfes
winkt ihm eine schönere Krone: Sich selbst
treu geblieben zu sein. Der stolze (alte) Wahl-
spruch von Felicien Rops in Bezug auf Be-
wunderung war: „J'en ai besoin de peu —
J'en ai besoin d'Un; — j'en ai besoin de
Pas Un".

JAPANISCHER SILHOUETTENSCHNITT

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