Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 1.1902-1903

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CHRONIK

BERLIN

Als die eingreifendste Kunsrnachricht der letzren
Zeit muss man die Mitteilung betrachten, dass
mit der Ausführung eines Denkmals für Zola
nicht der erste Bildhauer Frankreichs, der grösste
bildhauerische Genius der neueren Zeit betraut
worden ist, sondern dass man dem belgischen Bild-
hauer Meunier den Auftrag erteilt hat.

Dieses Ausschalten Rodins ist von der beklagens-
wertesten Bedeutung.

Natürlich ist die Ursache dafür, dass man nicht
in Rodin den gegebenen Mann für diese Aufgabe
erblicken zu sollen glaubte, darin zu finden, dass
Rodin mit seinem Denkmalsentwurf für den
Dichter Balzac nicht den Beifall der öffentlichen
Meinung gewann. Nach Rodins Misserfolg wurde
ein glatter, handwerklicher Bildhauer mit der Aus-
führung des Monumentes für Balzac betraut, der
seine Aufgabe schlecht und recht löste und eins
von jenen Denkmälern machte, die man ansieht
und nicht betrachtet und an denen man vorbei-
geht, ohne sich zu erinnern, dass gestern die
Statue noch nicht vorhanden war. Es scheint
aber, dass es noch kränkender für Rodin ist, dass
man diesmal, statt ihn zu wählen, an Stelle eines
handwerklichen Künstlers von der Art Ealguieres
einen Künstler wie Meunier mit dem „Ersatz
Rodin" — um die Sprache der Marine zu reden —
betraut hat, denn während Falguiere in den Augen
Niemandes mit Rodin konkurrieren konnte, gilt

Meunier für die Vorstellung vieler Leute für
etwas wie einen zweiten Rodin. Leider ist er
weit entfernt davon, es /u sein, und wir fürchten,
das Monument, das dem für ein neues Werk auch
schon zu alten Meunier zur Ausführung über-
geben wurde, wird <\q\\ Abstand, der zwischen
Rodin und Meunier existiert, auch auf das Deut-
lichste zum Ausdruck bringen.

Muther sagt in seiner Kunstgeschichte bei der
Abhandlung über Klinger, dass, wenn jeein sich über
die Natur hinaushebendes Wesen ein Übergewicht
in der Kunst zu erlangen scheine, sich aus den
Wolken ein Stein ins Meer senke, auf dem das
gebietende Wort stehe: Menzel. An diesen Aus-
spruch mussten wir denken, als wir diese Woche
die Ausstellung von Keller tt. Keiner verbessern
Wir hatten im Innern die Bilder Ludwig von
Hohnanns betrachtet - wir sahen jetzt aussen, im
Schaufenster der Kunsthandlung, Photogravüren
nach RembrandtS wunderbarer Landschaft mit der
Mühle und nach Rembrandts nicht minder wunder-
barem Reiter auf dem weissen Pferde. Der An-
blick dieser unvergleichlichen Meisterwerke,deren
Romantik so fest auf dci Erde basiert, Hess die
Erinnerung an Ludwig v. 1 lot'manns lichte, leichte,
zarte, poetische Welt wie etwas Zerflatterndes
sich auflösen. Doch selbstverständlich würde es

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