Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 1.1902-1903

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BUCHBESPRECHUNG

Aubrey Beardsley von Rudolf Klein.
Berlin, 1903, Julius Bard.*

Alles Neue, Grosse und Vollendete in der
Kunsr wird bei ganz verschieden zubereiteten
Gemütern völlig entgegengesetzte Wirkungen
hervorbringen. So mag die ausgeartete und selt-
same Kunst des Beardsley, wie auch Blei in seinem
Aufsatze erzählte, bei einem gesunden und rohen
Jungen wie ein verwegener und absonderlicher
Witz ein starkes Lachen erregen, während ein
zarter und tieferer Mensch aufgewühlt in seinem
Innersten diese unerhörten Dinge unruhig mit
sich herumtragen wird, bis sie gigantisch und ent-
setzlich im Träumen und Leben vor ihm aufsteigen.
Rudolf Klein scheint zu den Letzteren zu gehören.
Seit Jahren beschäftigt ihn die Welt Beardsleys
ausnehmend und er hat sich in gewisse Inhalte
dieses exotischen Kunstreiches so völlig eingelebt,
dass er an andern blindlings vorbeistürmt. Beards-
ley ist ihm der Maler der Sünde; aber könnte man
nicht Crivelli oder Correggio, Fragonard oder

* Fünfter Band der Serie „Die Kunst. Sammlung illu-
strierter Mo no grap hi ee n, herausgegeben von
Richard Muthe r". Die anderen bisher erschienenen Bände
sind: „Lucas Cranach", von R. Muther; „die Lutherstadt
Wittenberg", von Cornelius Gurlitt; „Burne-Jones", von Mal-
colm Bell; „Max Klinger", von Franz Servaes; „Venedig als
Kunststätte", von Albert Zacher; „Edouard Manet und sein
Kreis", von Julius Meier-Graefe ; „die Renaissance der Antike",
von Richard Muther.

Rops eben so nennen? Oder gar Stuck, den Maler
der „Sünde"? Das Wort Sünde erscheint heute,
da alle Moralbegriffe von gut und böse arg ins
Schwanken gekommen sind, etwas blass, und zu-
dem gilt es als kleinlich, einen so überreichen
Künstler auf ein Schlagwort festlegen zu wollen.
Man wird durch die Auffassung, die Klein von
Beardsley hat, stark an die Schilderungen vonHans-
son und Przybyszewski erinnert, als sie über Vige-
land, Munch und Rops schrieben. Beardsley ist
hier aus einer Stimmung heraus geschildert, wie
sie durch den nur so kurze Zeit blühenden Sata-
nismus der 90 er Jahre gezeitigt wurde. Man
braucht das erotisch-mystische und satanische Ge-
fühl bei Beardsley nicht zu verkennen und doch
lehrt eine einfache Gegenüberstellung von Rops,
dem Priester der teuflichen Orgien bei Huysmans,
welche Kluft den Engländer von dem Franzosen
trennt.

Rops ist in all seiner visionären Phantastik
Realist, die Körper seiner Weiber hat er in manchen
Nächten gesehen, seine Radierungen sind wirkliche
Erlebnisse, er ähnelt darin Zola, dem auch die
Geschehnisse des Lebens zu riesigen Traumgestalten
anwuchsen. Auch Baudelaire, den Klein den
Heiligen dieser verderbten Welt nennt, ist einzig
gross in der Feinheit und Stärke seines Erlebnisses.
Bei Beardsley aber und ebenso bei Swinburne ist
nichts Erlebtes, der Hauch der Wirklichkeit rührt

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