Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 1.1902-1903

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nicht davor scheuten, den klassischen Faltenwurf
Athens in seidenen Brokat zu verwandeln. So
that am Hofe Philipps Velazquez, dessen in un-
schöne Reifröcke gekleidete Infantinnen als
Kunstwerke den „Elgin Marbles" gleichstehen.
Keine Reformatoren waren diese grossen Männer

— keine Verbesserer des Lebens der anderen!
Ihre Schöpfungen allein waren ihre Beschäftigung,
und, erfüllt von der Poesie ihrer wissenden Kunst,
verlangten sie nicht danach, ihre Umgebungen zu
ändern."

Dann kamen kurze Sätze:

„Hört! Nie gab es eine künstlerische Zeit.

Nie lebte ein Volk, das die Kunst liebte.

Im Anfang zog der Mensch jeden Tag hinaus

— einige, Schlachten zu schlagen, andere, um zu
jagen, und wieder andere, im Felde zu gründen
und zu graben — und alles, damit sie gewännen
und lebten, oder verlören und starben. Bis unter
ihnen sich einer fand, der anders war als die üb-
rigen, deren Treiben ihn nicht lockte; und so
blieb er mit den Frauen bei den Zelten und
zog mit gebranntem Stab seltsame Zeichnungen
auf einen Kürbis.

Und dieser, der an den Wegen seiner Brüder
keine Freude fand — der nicht nach dem Siege
verlangte und der im Feld sich verzehrte - dieser
Zeichner zierlicher Muster - dieser Entdecker
des Schönen - der in der Natur rings um sich
seltsame Windungen sah, wie Gesichter im Feuer
erscheinen - dieser Träumer abseits war der erste
Künstler.

Und wenn aus dem Feld und von ferne die
Leute zurückkamen, nahmen sie den Kürbis -
und tranken daraus.

Und alsbald kam zu diesem Menschen ein
zweiter — und darauf noch andere — von gleicher
Art, von den Göttern erwählt — und so arbeiteten
sie zusammen; und bald bildeten sie aus befeuch-
teter Erde Formen, die dem Kürbis glichen. Und
mit der Macht des Schaffens, dem Erbteil des
Künstlers, gingen sie dann über die unklaren An-
deutungen der Natur hinaus, und die erste Vase
erstand in schönen Verhältnissen. Und die
Ackersleute pflügten, und sie dursteten; und die
Helden kehrten von frischen Siegen heim, sich
zu vergnügen und zu feiern; und alle tranken sie
aus den kunstvoll gebildeten Bechern der Künst-
ler; aber sie kümmerten sich nicht um den Stolz
des Meisters und verstanden nicht den Triumph
über sein Werk; denn sie tranken aus der Schale,
nicht aus Wahl oder einem Wissen, dass sie schön
war, sondern einfach, weil es keine andere gab.

Und die Zeit brachte mit grösserem Besitz
grössere Fähigkeit zum Luxus, und es ward ge-
ziemend, dass die Menschen in grossen Häusern
wohnten und auf Lagern lagen und an Tischen
assen; und der Künstler baute mit seinen Hand-

werkern Paläste und füllte sie mit Gerät, in schö-
nen Verhältnissen und lieblich anzuschauen.

Und das Volk lebte in Wundern der Kunst —
und ass und trank aus Meisterwerken — denn es
war sonst nichts da, daraus zu essen und zu trin-
ken, und es gab kein schlechtes Gebäude, darin
zu leben, kein Stück für das tägliche Leben, das
nicht von der Zeichnung des Meisters herrührte
und von seinen Arbeitern gearbeitet war.

Und das Volk fragte nicht und hatte nichts dazu
zu sagen.

So stand Griechenland in seinem Glanz, und
die Kunst herrschte unumschränkt - durch die
Macht der Dinge, nicht durch Wahl — und kein
Draussenstehender konnte sich einmischen. Der
berühmte Krieger hätte so wenig gewagt, reine
Zeichnung für den Tempel der Pallas Athene an-
zubieten, wie der geweihte Dichter einen Plan
zum Bau des Katapultes entworfen hätte.

Und der Amateur war unbekannt und vom Dilet-
tanten träumte niemand."

Aber der Raum fehlt uns, um von dem Vor-
trage Whistlers weiter in Ausführlichkeit zu spre-
chen. Nur noch einen Abschnitt können wir
uns zu zitieren nicht versagen: „Das Verlangen,
zu sehen, um des Sehens willen, das ist bei der
Masse da> Einzige, was Befriedigung verlangt;
aus ihm stammt die Freude am Detail. Und
wenn der Abendnebel die Ufer des Flusses mit
Poesie einhüllt, wie mit einem Schleier, und wenn
die armen Gebäude sich im dunklen Himmel ver-
lieren, und die grossen Schornsteine Campanili
werden, und die Warenhäuser Paläste sind in der
Nacht, und die ganze Stadt in den Himmeln hängt,
wenn das Feenland vor uns liegt — dann eilt der
Wanderer nach Hause; der Arbeiter und der
Gebildete, der Weise und der Mann des Genusses

— sie hören auf, zu verstehen, denn sie hörten
auf, zu sehen, und die Natur, die wenigstens dies
eine Mal in Melodien sang, singt ihren herrlichen
Sang nur dem Künstler, ihrem Sohn und Herrn

— ihrem Sohne darin, dass er sie liebt — ihrem
Herrn darin, dass er sie kennt.

Ihm sind ihre Geheimnisse entfaltet, ihm wur-
den ihre Lehren allmählich klar. Er sieht ihre
Blume, nicht durch vergrössernde Linsen, um fin-
den Botaniker Thatsachen zu sammeln, sondern
in der Erleuchtung des Einen, der in ihr erlesene
Auswahl glänzender Töne und zarter Farben, An-
deutungen künftiger Harmonien erblickt.

Er beschränkt sich nicht darauf, zwecklos und
ohne Gedanken jedes Hälmchen Grases zu ko-
pieren, wie es die Philister empfehlen, sondern:
aus der langen Kurve des schmalen Blattes, der
der gerade, grosse Stil entgegenwirkt, lernt er,
wie sich die Grazie der Würde vermählt, wie die
Kraft die Lieblichkeit erhöht, damit sich feine
Zierlichkeit ergebe."

DER UNGEKÜRZTE ABDRUCK DER AUFSÄTZE IST VERBOTEN. ABDRUCK IN GEKÜRZTER FORM IST NUR UNTER VOLLST. QUELLENANGABE GESTATTET

REDAKTION: BERLIN W DERFFL1NGERSTR ASSE 16
VERANTWORTLICH FÖR DIE REDAKTION: BRUNO CASSIRER, BERLIN. DRUCK DER OFFIZIN W. DRUGULIN, LEIPZIG
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