Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 1.1902-1903

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ihre Schönheit und können nicht fort von
ihnen. Auch fängt man an, einen Genuss von
der Vergleichung dieser Werke unter einander
zu empfinden. Es ist von einem eigenen Reize,
von dem einen Bilde zum andern die Blicke
schweifen zu lassen; die unsern bleiben zuletzt
an dem Bilde mit der Gartenbank haften.
Nein, diese gesättigte Fülle der Farben! Diese
Luft, die Raum in der Fülle schafft. Wie die
Blumen entfernt von einander zu schweben
scheinen . . . Und man denkt an eine Stelle
in dem schönen Buch über Velazquez vonjusti,
an der er erzählt, wie der schottische Genre-
maler Wilkie in der Galerie zu Madrid des
Velazquez Bild „Bacchus oder die Trinker"
betrachtete, stundenlang davor sass und er-

müdet mit einem Seufzer: ouf! aufstand.
Wenn gleichviel Jahre nach Manets Tode ver-
gangen sein werden wie in Wilkies Epoche
Zeit nach dem Tode von Velazquez verstrichen
war, wenn Manet ein grosser alter Meister ge-
worden sein wird, dann wird, falls es dann
noch — vielmehr wieder—Genremaler geben
sollte, mancher von ihnen zu dieser Gartenbank
wallfahrten, dieses Wunderwerk anstarren und
sich endlich, entzückt und vernichtet von dem
Anblick solcher Schönheit, mit dem Seufzer
ouf! erheben. Und um so grösser wird ihm
das Bild erscheinen, als nur einige Quadrat-
meter Luft auf ihm dargestellt sind mit einer
grünen Bank und mit roten Blumen.

H.

MANET, DER GARTEN

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