Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 1.1902-1903

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Aluminium gemacht. Aluminium, Blech
und Blei könnten alle Reize hergeben,
die das Schaufenster eines deutschen Silber-
geschäfts ausbietet. Hier dagegen bleibt dem
Silber sein eigener Ton, jene klare Tiefe
seines Spiegels, die wie Perlenglanz halb Licht,
halb Farbe ist. Und Hammer und Feile
geben ihm seine eigene Form, die Nervosität
der Linien und Flächen, die die Spannkraft
des Stahls mit der Feinheit des Goldes zu
vereinigen scheint, so dass Hafis sagen konnte,
Silber verhalte sich zu Gold wie der Körper
des Knaben zu dem der Frau.

Linnen, Holz, Töpferglasuren, Messing,
Emaille und das Papier der gedruckten Bücher
sind in derselben Weise zur Wirkung gebracht.
Die Handwerker unter Cobden Sanderson,
Crane, Powell, Ashbee oder den Gaskins be-
herrschen nicht nur ganz ihr Material; sie
sind auch offenbar fähig und angeleitet, selber
zu fühlen, was das Auge oder das Tastgefühl
an ihm reizen kann. Diese Sinnlichkeit der
Arbeit macht die Materialien, die sie formen,
edel.

Und zu der Sinnlichkeit der Arbeit kommt
deren Sorgfalt und Intelligenz. Sorgfalt ist
mehr als Genauigkeit; sie enthält auch Liebe.
Und unter Intelligenz verstehe ich hier die
Kunst, die Arbeit dem Zweck und der Kon-
zeption des Werkes anzupassen. Beide Eigen-
schaften sind hier fast Gemeingut. Von ihnen
kommt eine Frische der Formen, dass sie aus-
sehen, als habe der Arbeiter selbst sie bei der
Arbeit erfunden.

Deshalb wirkt fast jedes Stück auch indi-
viduell. Hinter jedem empfindet man die
Sinnlichkeit, die Sorgfalt und die Intelligenz
des Arbeiters, einen Charakter, einen
Menschen.

Diese Vorzüge: die Schönheit des Materials,
die Frische der Formen, die individuelle Fär-
bung der Gegenstände, sind das Erbe von
Morris und Ruskin, ihr eigentliches Verdienst
und ihr Denkmal. Denn Sorgfalt und Intelli-
genz, Sinnlichkeit und Freude bei der Arbeit
sind, was Beide rastlos gepredigt und, wie
sich zeigt, durchgesetzt haben.

Und schliesslich erfreut noch eine Eigen-

schaft: die Zartheit aller Wirkungen. Keine
Form, kein Ornament ist zu stark oder gross.
Nichts drängt sich dem Auge auf. Die Tep-
piche, Möbel, Tapeten, die Kannen, Karaffen
und Gläser wollen entdeckt werden. Und das
Auge kann sich ohne Mühe auch wieder fort-
wenden. Diese Unaufdringlichkeit müssten
die Zimmergegenstände, die Schreibgarnituren,
der Tafelschmuck, Alles, was auf die un-
mittelbare Umgebung und Nähe berechnet ist,
auch bei uns wiederfinden. Sie wirkt nach
gewissen Roheiten schon für sich allein künst-
lerisch.

Die Summe dieser Vorzüge, die hier auf-
fallen, ist so gross und die Wiederkehr
immer derselben guten Eigenschaften macht
den Zuschauer so sicher, dass man fast vergisst,
ob nicht noch andre Qualitäten nötig sind, da-
mit ein Kunsthandwerk gesund sei oder damit
es durchaus als Vorbild dienen könne; — bis
Einem wieder das Leben draussen einfällt,
und sein Misston zeigt, dass von dieser Schön-

ELEKTRISCHER BELEUCHTUNGSKÖRPER.

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