Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 1.1902-1903

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Motive seiner Heimat grade wie sie gleichzeitig Jan
van Goyen, Pieter Molyn u. a. malten. Im Ab-
strahieren von der Lokalfarbe geht er aber noch
weiter als diese; die eigentümlichen dunstigen
Sonnenstimmungen an den Ufern der Maass-
mündungbringt er in einem fast einförmigen weiss-
lich blonden Tone, worin Erdreich und Pflanzen,
Wolken und Staffage fast nur in helleren und
dunkleren Nuancen gegeben sind, mit feiner Natur-
beobachtung aber starker Übertreibung wieder.
Die Ausstellung hatte zwei charakteristische Bilder
dieser Art, von denen die Flusslandschaft im Besitz
von George Salting ein kleines Meisterwerk ist.
Der naive, derbe und wenig wählerische Realismus
neigt hier schon zu feinerer künstlerischer Durch-
bildung, in deren weiteren Verfolgung er in den
fünfziger Jahren seine eigentlichen Meisterwerke
malt. Der Künstler malt die landschaftlichen
Motive seiner Heimat noch mit voller Treue und
ist noch fast ausschliesslich Landschafter, wenn
auch die Staffage meist schon eine bedeutende
Rolle spielt; aber er weiss seine Kompositionen
durch reichere Motive, weite Ausblicke in die
Ferne, geschickte Verschiebungen der Flussläufe,
feine Beobachtung der Wolkenbildungen und kräf-
tigere Färbung sehr viel mannigfaltiger zu gestalten
und zu beleben. Aus dieser Zeit stammen die ver-
schiedenen Ansichten der Maas mit Dordrecht in
der Ferne, unter denen das grosse panoramaartige
Bild im Besitz von Captain Holford das Hauptwerk
ist, für das der Besitzer Gebote in der Höhe von
50 000 £. St. ausgeschlagen haben soll. Die Aus-
stellung hatte ein ähnliches, etwas kleineres Bild,
das Lord Iveagh aus der Lansdowneschen Galerie
in Bowood erworben hat. Es hat noch den hell-
blonden Ton, ähnlich den frühesten Bildern; die
Flussferne ist ausserordentlich sonnig und duftig,
aber neben dem Holfordschen Bilde erscheint der
Ton zu fest, die Wolken zu blechern. Ein paar
ganz kleine Bilder auf der Ausstellung, die noch
jetzt in Bowood sich befinden: breite Flussläufe
zwischen hohen Ufern, von Booten reich belebt,
die wohl als Skizzen für ein paar grosse Bilder
entstanden, sind in ihrer reichen und doch so
poetischen Wiedergabe des heissen Sonnentages,
dessen Licht die ganze Landschaft wie mit einem
Schleier bedeckt, in der pikanten Komposition
und in der geistreich andeutenden Behandlungs-
weise jener grossen Ansicht von Dordrecht fast
vorzuziehen.

In solchen Bildern und vor allem in der grossen
Zahl von Gemälden, die in den sechziger Jahren
aus dem Atelier des Künstlers hervorgingen, zeigt
sich Albert Cuyp in seiner ganzen Eigenart und
Bedeutung, in der vollen Kraft und Schaffens-
freude seines vielseitigen Talentes. In solchen
Bildern, von denen leider in Deutschland nicht
eins, in England hundert und mehr vorhanden

sind, steht der Künstler neben den besten seiner
Zeit ebenbürtig da, den einen Rembrandt ausge-
nommen; ja er hat vor einem Potter, Terborch,
Vermeer, Ruisdael, P. de Hooch, Hobbema oder
Metsu eine eigentümliche Grösse und Vielseitig-
keit voraus. Cuyp hatte sich im Jahre 1658 mit
einer Frau aus einer angesehenen dordrechter Pa-
trizierfamilie verheiratet. Seither scheint er auf den
Gütern dieserVerwandten in der Nachbarschaft von
Dordrecht einen grossen Teil seines Lebens zuge-
bracht und hier vor allem seine Studien gemacht zu
haben. Die Freude am Landleben, die Kenntnis von
Feld und Wiesen, von den Ställen und vom Vieh,
von Pferden und von der Jagd spricht aus allen
seinen Bildern. Fortan finden wir nur noch selten
ein Bild, in dem die Tiere, namentlich die Kühe,
nicht eine wesentliche RoUe spielen. Cuyp hat sie
freilich nicht so im einzelnen studiert und wieder-
gegeben wie Paul Potter, aber in ihrer Charakte-
ristik, in ihr er Erscheinung innerhalb der Landschaft
giebt er dem „Raphael unter den Tiermalern"
nichts nach. Mit dem Landleben zeigt sich der
Künstler so vertraut, als ob er selbst von Kindes-
beinen an auf dem Lande gelebt hätte, als ob er als
Farmer aufgewachsen wäre. Seine Landschaften
zeigen fette Weiden an breiten Flüssen und
Kanälen, im Vordergrunde regelmässig einige
Kühe, die in ihrem behaglichen Wiederkäuen, in
ihrem treuen Ausdrucke kaum von einem anderen
Künstler so treffend und einfach und zugleich
mit solcher Liebe geschildert sind. Sie sind so
selbstverständlich in diesen seinen Bildern, dass
wir sie fast vermissen, wenn einmal ein paar vor-
nehme Herren zu Pferde — offenbar Porträts von
Bekannten Cuyps auf demLande — oder ausnahms-
weise ein biblisches Motiv die Staffage seiner Land-
schaften ausmachen. Auch passen sie malerisch
am besten zu diesen, da sie in dem sonnigen Licht,
das die ganze Landschaft in einen gleichmässigen
warmen blonden Ton hüllt, die einzigen kräftigeren
Lokalfarben abgeben, die in ihrem rötlichen Braun
oder Weiss und in dem hellen Schwarz mit der gelb-
lichbraunen Gesamtfärbung vorzüglich zusammen-
gehen. Gelegentlich verbreitert sich der Fluss;
der Künstler führt uns in einen Hafen, an den
Strand, auf die offene See. Dann ist das Wasserreich
belebt mit Schiffen und im Vordergrunde — an
Stelle der Kühe in der Landschaft — pflegt ein
Boot angebracht zu sein mit Soldaten mit roten
Mänteln, die auf die Schiffe zusteuern. Die gleiche
Landschaft zeigt uns der Künstler auch wohl bei
Nacht, bei dem matten Scheine des Vollmonds,
dessen zitterndes Licht auf der leicht bewegten
Wasserfläche spielt. Selbst im winterlichen Kleide
liebt er sie uns zu zeigen, die breite Eisfläche be-
deckt von Schlittschuhläufern und Wagen. Von
allen solchen Motiven hatte die Ausstellung her-
vorragende Stücke aus den Sammlungen des Lord

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