Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 1.1902-1903

Seite: 331
DOI Seite: Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kk1902_1903/0340
Lizenz: Freier Zugang - alle Rechte vorbehalten Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
Neuntes Heft. Inhalt: Hans Mackowski, Hans Baluschek . . . Eugene Delacroix, aus dem Tagebuche . . .
Emil Hannover, die Seele Giorgiones . . . Chronik: Berlin, Dresden, Dessau, Wien, Paris . . . Bücher-
besprechungen . . . Zeitschriftenschau.

HANS BALUSCHEK

VON

HANS MACKOWSKI

Die Macht des gegenständlich Interessanten
wird von denen, die der Ehrgeiz der künstle-
rischen Pose plagt, vornehm belächelt. Aber
wie zum Trotz gegen alle Verzärtelten und
Verkünstelten des Geschmacks feiert die ausser-
ästhetische Ursache in einem Kunstwerk immer
wieder ihren berechtigten Triumph und wirft
lachend die Theorien der ästhetischen Geheim-
bündler über den Haufen. Nur so erklärt
sich der Erfolg der nicht eben zahlreichen,
aber mit Unermüdlichkeit auf den Ausstellun-
gen gezeigten Arbeiten des jungen Malers
Hans Baluschek.

Einem grösseren Publikum stellte er sich
vor einigen Jahren in einem ephemeren Kunst-
salon der Potsdamerstrasse vor. Dort in der
heliotropfarbenen Sphäre, wo der Kunstgenuss
sich zu pathologischer Empfindsamkeit der
Nerven verfeinert hatte, wirkte Baluschek wie
ein Stück ungebrochener, wenn auch grober
Natur. Das östliche Berlinisch, das auf seinen

Bildern in hoherVollendung gesprochen wurde,
klang erfrischend in den symbolischen Tief-
sinn, der mezza voce seine Trivialitäten offen-
barte. Man bestaunte den neuen Ankömm-
ling, dessen Stiefel den Schmutz und den
Geruch des Koppenplatzes hereinschleppten,
mit Neugierde sah man den Staub der Hasen-
haide auf seinen Kleidern, und das durch-
schwitzte Band am Hut schien von durch-
tanzten Sommernächten mit wünschenswerter
Indiskretion zu zeugen. Wer war dieser
junge Mensch, der überall sich zu Hause
fühlte, wohin die Gesellschaft nicht geht, der
bei den Gaffern der Strasse still hielt, wenn
ein altes betrunkenes Weib im Dusel den
Laternenpfahl umarmt, der in Tingeltangeln
den Kunstgönner spielte, in Pankow wie in
Haiensee mit Leidenschaft die Groschentour
abtanzte, der die gemeinen Freuden der Dach-
kammer ebenso zu kosten verstand, wie er
dem darauffolgenden Kater tapfer Stand hielt?

33i
loading ...