Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 1.1902-1903

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Anstand ohne Knauserei zu spielen. Dies
Berlin macht eine Wandlung durch, langsam,
ganz bedächtig, Schritt für Schritt, für Lieb-
haber vielleicht keine erfreuliche: zum gross-
artig Unsoliden einer wirklichen Weltstadt
wie Paris und London. Immer undeutlicher
wird in dem zunehmenden Gebraus die Musik
der kleinen Leute, ähnlich dem durch bestän-
diges pht pht unterbrochenen Spiel des Leier-
kastenkrüppels. Wie viel von dem, was Ba-
luschek uns darstellt, ist in den wenigen Jahren
bereits verschwunden oder in langsamem Aus-
sterben begriffen. Wie lange noch, und die
„Sechser-Rentiers" schnappen nicht mehr auf
Rixdorfer Gebiet die von Berliner Fabrik-
qualm gut durchsäuerte Landluft, die Cur-

rende singt nicht mehr in langen Trauermänteln
auf den engen Höfen, und die „Klein-Kame-
runer" ziehen nicht mehr in die Lauben-
kolonien zu ihrem SonntagkafFee. Was wird
uns Hans Baluschek sein, wenn der letzte
Berliner alten Schlages die Tribüne besteigt
und sich ironisch-wehmütig verabschiedet
wie sein schon ausgestorbener Vorläufer,
der Glasbrennersche Mitmensch: „Früher,
wenn ick lustig sein wollte, hab' ick jedollt
un jerast, habe mir mit meine juten Freunde
jeprüjelt un manchen Spitz jekooft, der mir
am andern Morjen sehr jebissen un in'n Kopp
'rum jebellt hat. Jetzt dhu ick det nich mehr.
Ick weess nich worum, aber ick dhu' et nich
mehr".

AUS DEM TAGEBUCHE

VON

EUGENE DELACROIX

ERSAILLES. Morgens gegen
i o oder 11 Uhr machte ich
einen Spaziergang zu den
Holzschlägen,die man neuer-
dings längs der Mauern der
Besitzungen von Quantinet
und Minoret angelegt hat.
Köstlicher Morgen. Ich kam zur Eiche von
Antain, die ich nicht erkannte, so klein
schien sie mir. Ich konnte neue Beobach-
tungen über die Wirkung unvollendeter
Werke, Skizzen, Untermalungenu. s.w. machen,
entsprechend denen, die ich früher auf-
geschrieben habe. Ich finde, dass das Miss-
verhältnis in der Proportion eine ähnliche
Wirkung thut. Die vollendeten Künstler setzen
gerade wegen ihrer Vollendung weniger in
Erstaunen. Sie haben keine Ungleichheiten,
die einen fühlen lassen, wie vollkommen und
proportioniert das Ganze ist. Als ich mich
dann diesem prächtigen Baume näherte, und
unter seinen riesigen Aesten stehend, nur ein-
zelne Partien ohne ihre Beziehung zum Ganzen
erblickte, da wurde ich von dieser Grösse

frappiert. Das veranlasste mich zu dem Schluss,
dass Michelangelo einen Teil der Wirkung,
die seine Statuen hervorbringen, gewissen Miss-
verhältnissen oder unvollendeten Teilen ver-
dankt, die den Eindruck der vollendeten Teile
verstärken.

«

Man kann nicht leugnen, dass bei Rafael
die Eleganz oft die Natürlichkeit beeinträch-
tigt, und dass diese Eleganz oft in Manier aus-
artet. Ich weiss wohl, dass stets eine grosse
Anmut, ein gewisses Etwas vorhanden ist. (Es
ist wie bei Rossini: Ausdruck, aber vor allem
Eleganz.) Wenn man hundertundzwanzig
Jahre lebte, würde man Tizian allem andern
vorziehen. Er ist nicht der Mann der jungen
Leute. Er ist der wenigst manirierte und in-
folgedessen der manigfaltigste der Maler. Die
manirierten Talente haben nur eine Art, nur
eine Gewohnheit; sie folgen viel mehr dem
Antrieb der Hand, als dass es sie leiten. Das
wenigst manirierte Talent muss das mannig-

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