Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 1.1902-1903

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faltigste sein, es gehorcht in jedem Augenblicke
einer wahren Empfindung, es muss diese Em-
pfindung wiedergeben. Ihn beschäftigt nie
ein leeres Prahlen mit seiner Geschicklichkeit;
er verachtet im Gegenteil alles, was ihn nicht
zu einem lebendigeren Ausdruck seiner Ge-
danken führt. Er ist derjenige, der seine Aus-
führung am meisten verbirgt oder am wenigsten
darauf zu achten scheint.

Ich weiss wohl, dass die Eigenschaft eines
Koloristen eher eine schlechte Empfehlung
bei den modernen Schulen ist, die nur die
Beobachtung der Zeichnung für einen Vorzug
halten und dem den ganzen Rest opfern. Es
scheint, dass der Kolorist sich nur mit den
niedrigen und gewissermassen irdischen Gebie-
ten der Malerei beschäftigt, dass eine schöne
Zeichnung schöner ist, wenn sie von einer
garstigen Farbe bekleidet ist, und dass die Farbe
nur gut ist, um die Aufmerksamkeit zu zer-
streuen, die sich auf erhabene Vorzüge richten
soll. Man könnte das die abstrakte Seite der
Malerei nennen, der Kontur ist dann das wesent-
liche Objekt: auf diese Weise geraten, un-
abhängig von der Farbe, andere Notwendig-
keiten der Malerei, wie Ausdruck, richtige
Verteilung der Wirkung und sogar die Kom-
position in die zweite Reihe.

Die Freskomalerei ist eine Art Zeichnung,
die geeigneter ist, sich den grossen Linien der
Architektur in Dekorationen anzuschliessen,
als die Feinheiten und das Kostbare der
Gegenstände auszudrücken. Tizian, bei dem
die Wiedergabe trotz der breiten Auffassung
der Einzelheiten so wunderbar ist, hat das
Fresko wenig kultiviert. Sogar Paul Veronese,
der durch eine noch grössere Breite und durch
die Motive, die er darzustellen liebte, hierfür
geeigneter erscheint, hat nur eine kleine An-
zahl Fresken gemacht.*) Man muss auch
sagen, dass zur Zeit, als die Freskomalerei
florierte, nämlich in den ersten Zeiten der

*) Delacroix war niemals in Ital

len.

Renaissance, die Malerei noch nicht alle die
Mittel beherrschte, über die sie jetzt verfügt.
Seitdem die Oelmalerei uns das Geheimnis
ihrer Wunder von Illusion in der Farbe und
der Wirkung gegeben hat, ist die Fresko-
malerei wenig kultiviert und fast ganz ver-
nachlässigt worden.

Ich bestreite nicht, dass zur selben Zeit
der grosse Stil, der epische Stil, wenn man
sich so ausdrücken darf, verdrängt wurde; aber
die Genies, wie Michelangelo und Rafael sind
selten.

Diese Freskotechnik, die sie verherrlicht
hatten und die sie bei den erhabensten
Schöpfungen angewendet hatten, musste in
weniger kühnen Händen zu Grunde gehen.
Das Genie übrigens weiss die verschiedensten
Mittel mit gleichem Erfolge anzuwenden. Die
Oelmalerei unter dem Pinsel von Rubens
kommt an Feuer und Breite der Grossartigkeit
den berühmtesten Fresken gleich, obgleich
durch andere Mittel, und um bei der Venetia-
nischen Schule zu bleiben, deren Leuchte Tizian
ist, die grossen Gemälde dieses wundervollen
Meisters, die von Veronese und sogar von
Tintoretto, sind Beispiele, dass man in der
Oelmalerei denselben Schwung und dieselbe
Gewalt erreichen kann, wie in der Freskomale-
rei. Die Vervollkommnung der materiellen
Mittel lässt vielleicht nach der Seite der Ein-
fachheit und des Ausdrucks etwas verloren
gehen, eröffnet aber neue Quellen von reicheren
und mannigfaltigeren Wirkungen u. s. w.

Das sind eben Veränderungen, die die Zeit
und die neuen Erfindungen notwendigerweise
mit sich bringen. Es ist kindisch, gegen den
Strom der Zeiten schwimmen zu wollen und
hinzugehen, um die primitiven Meister zu
studieren.

Man scheint zu glauben, dass die Dürftig-
keit des Mittels identisch ist mit der Knappheit
des Meisters u. s. w.

Die Freskomalerei ist in unserem Klima
den grössten Schäden ausgesetzt. Sogar im
Süden ist sie sehr schwer zu erhalten. Sie ver-
blasst, löst sich von der Mauer ab.

Die meisten Schriften über Kunst sind von
Leuten verfasst, die keine Künstler sind: daher

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