Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 1.1902-1903

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CHRONIK

BERLIN '

ie Menzelausstellung im Künst-
lerbaüse ist vermehrt und die
Reihe der dort schon auf-
gestellt gewesenen Werke er-
heblich besser (niedriger) ge-
hängt worden, so dass man in
jeder Beziehung dort eine Ver-
mehrung des Genusses findet.
Fabelhaft schöne Zeichnungen von Menzel sind zu
den alten hinzugekommen.Ein von hinten gesehener
knieender Arbeiter fordert die Bewunderung her-
aus; was doch alles aus den Falten seines Beinkleids
an charme und malerischer Delikatesse heraus-
gezogen worden ist! Fabelhaft ist auch die Zeich-
nung eines zugedeckten Brunnens. Wenige Striche
— und wie allein das Material, das bröckelnde
Holz wiedergegeben ist, mit welcher Wahrheit,
hauptsächlich aber mit welchem Reiz — das spottet
jeder Beschreibung. Käfer zeichnet Menzel so
geschickt und ganz ähnlich wie ein Japaner. Er
versagt bei der Antike: sei es dass er den barbe-
rinischen Faun oder eine klassische Gruppe zweier
Frauen wiedergeben will: dieser Reiz versagt sich
ihm. Aber wieder eine Baumgruppe aus Kissingen!
Der Durchblick aus einem Thorbogen auf eine
Dorfstrasse! oder eine Studie von Dorfhäusern in
Interlaken; die so plastisch, trotzdem das ange-
wandte Material nur Bleistift ist, vor uns treten,
als sähe man sie durch ein Stereoskop. Er ist ein

Meister in der Wiedergabe aller Holz- und Stein-
arten. In der Ausstellung ist eine alte Säulenhalle
von ihm, der Reiz wunderbar. Der Marktplatz
in Linz, ein Blatt von vielleicht 12 cm Breite, ist
von einem Reiz und von einer frischen Bewegung
in der Skizze, die fabelhaft sind.

Bei Paul Cassirer ist ein Manetporträt von
Fantin-Latour, das zu Betrachtungen herausfor-
dert. A mon ami Manet, Fantin 1867 steht da-
rauf. Es ist eine Illustration zu dem Bekenntnis,
dass es oft die Künstler sind, die zuerst die Grösse
ihrer bahnbrechenden Kollegen erkennen. Es ist
im übrigen ein bürgerliches Porträt, lässt nicht die
Grösse Manets ahnen, ihm fehlt die Weihe, die
das grosse Manetbild hat, auf dem Fantin Manet
mit weisser Stirn zeigt, wie vom Hauch der Muse
berührt, im Kreis seiner Freunde malend, die ge-
dankenvoll um ihn herumstehen. Hier ist er hin-
gegen nur ein vergnügter civiler Mensch, der,
wie Zola sagt, Vergnügen daran hat, noch bürger-
licher als andere Bürger zu sein. H.

Kunstgewerbe.
Ein neues Zeichen für die Lebens- und
Wirklichkeitszusammenhänge der Kunstgewerbe-
bewegung kann man in der Gründung des „D ür e r-
h aus es" (in der Kronenstrasse) sehen. Es stellt
eine moderne Handlung für alle Zweige des An-

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