Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 1.1902-1903

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pflegen, natürlich und selbstverständlich ent-
stand wie der Laut der Muttersprache, nicht
die unergründlichste Macht, die je aus der
Menschenrasse geredet und gezeugt hat, und
glaubt man denn, von Details ausgehend, einen
solchen Stil wie einen Mechanismus ohne
weiteres rekonstruieren zu können?

Ebensowenig wie das Wasser, das vor fünf
Jahrhunderten an Köln entlang zog, jetzt wieder
in die Rheinquelle zurückzutreiben ist, eben-
sowenig wird man bei dem ewigen Fortströ-

nichts anderes als noch einmal die jammer-
volle Machtlosigkeit jenes handwerklichen
Kunstbetriebs bewiesen, der wirklich gegen
alle redliche Vernunft das Verstorbene ver-
vollkommnen zu können glaubt. Es nützt
nicht, dass man den Ritus handhabt, den Vor-
schriften folgt, die Kunstgriffe kennt und die
Formen nachbildet: es giebt noch etwas
Höheres, die Würde von alle dem Beherr-
schendes: den Rhythmus, und wo dieser
Atem des Unbewussten zerstört wurde oder

DOMANSICHT 185I

men der Menschenrasse ein vorüber gegan-
genes Evolutionsstadium wieder herstellen
können, und ebenso wenig ist in den neuen
gefärbten Scheiben, mit denen der Dom quasi
zur Ergänzung aufgetakelt wurde, etwas anderes
zu sehen als die dümmste Verhöhnung jener aus
dem XIV. Jahrhundert übrig gebliebenen
Fensterpracht, von der man überhaupt nichts
mehr versteht, wenn man ihr solche miserablen
Produkte sklavischen Unvermögens zur Seite
setzt.

Noch eine kölner Kirche, die von aussen
so sehr durch die Schönheit ihrer reinen
Grundsätze anlockt, wurde durch die Gläubigen
unserer Zeit in unseliger Lust verdorben, denn
die kakelbunte Geschmacklosigkeit, welche
die romanische Marrinuskirche auf so schauer-
liche Weise von innen polychromierte, hat

verloren ging, da hilft keine Kraft des Willens,
des Wissens oder Strebens mehr, grade so
wenig, wie man dem abgeschiedenen Körper
das Leben wieder einblasen kann, nachdem das
Herz in ihm nicht mehr schlägt. Die kölnische
Kunst des XIV. Jahrhunderts ist nicht auf
Priesterbefehl, nicht durch Fürstenwillen und
nationalen Aufruf geboren — sie ist aus dem
einträchtigen Geiste eines frommen, in allen
Handwerken gut beschlagenen Volkes auf
natürlichem Wege entsprungen, dessen Werk
durch kein andres Volk aus andrer Zeit und
von anderm Geist jemals ähnlich fortzusetzen
ist. Das kann ebensowenig gelingen als man
die jetzigen Rheinländer dazu bringen könnte,
wieder in der Sprache ihrer Ahnen zu sprechen.
Mit Recht und voll edler Entrüstung haben
die Vertreter der Mutterkirche diejenigen, die

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