Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 1.1902-1903

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schenEmporsteigensderzitterndenFormmassen
auflöst; das Mondlicht, welches durch sein
Beleben der Vorsprünge die Eintönigkeit der
kargen geometrischen Gesamtmasse bereichert,
vertieft und phantastisch macht, so dass das
Geflimmer dieser bei scharfem Licht eigentlich
zu dünn-rippigen, erz-senkrechten deutschen
Gotik zu einer wunderbar mächtig zusammen-
stimmenden Linien-Anschwellung wird, bei
der Spannung schlank auf Spannung steigt, aus
den Pfeilern rund herum die Strebebögen
stützend emporschiessen, aus schweren Stein-

stämmen immer schlankere Schäfte und aus
diesen jedesmal feinere Fialen springen, um
sich hoch oben in den zart gekräuselten Kreuz-
blumen mysteriös zu entfalten; — das Mond-
licht, in welchem die ganze hochgetürmte
Gottesburg wie ein Wunderwald von in spitzen
Blüten herausjauchzenden Stalagmiten er-
scheint, die in die Höhe von unter der Erd-
kruste dürstenden Mächten getragen, in un-
gestümem Verlangen nach dem Gewölbe der
hohen Wolken in die kühle, blaue, unbegriffene
Unendlichkeit hineinlangen.

DIE AUSSTELLUNG

AM

LEHRTER BAHNHOF

Im Jahr 1885 wurde die akademische Jubi-
läumsausstellung mit einem Prunksaal eröffnet,
der mit Weiss und Gold dekoriert worden
war. Es öffneten sich Nischen, aus ihnen heraus
flatterten im Geist des Barockstils bewegte
Figuren, wogten auf, wogten ab, stiegen zur
Decke empor, hielten Kränze entgegen, stiessen
ins Hörn. An den freigelassenen Wandflächen
waren Putten und Blumenranken erschienen,
nach oben türmten sich Balustraden über

Balustraden auf, an denen Figuren lehnten, die
im Stil des Michelangelo lebten, und als Ab-
schluss diente ein Deckengemälde, dessen
Handlung in den Wolken spielte.

In diesem Jahre ist der grossen Kunstaus-
stellung ein neuer Saal hinzugefügt worden,
der für die veränderten Zeitumstände voll-
kommen charakteristisch ist. Man siebt nicht
den Schmuck im Einzelnen. Worauf man
achtet und was allein in dem neuen Räume

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