Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 1.1902-1903

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scheinungen und standen ohne Kritik, was
sich psychologisch erklären und entschuldigen
lässt, diesen Dingen gegenüber. Heute aber
gilt die Entschuldigung nicht mehr, und dem
Gemisch aus Echt und Falsch nachzujammern,
ist absurd.

Allerdings Eines entschuldigt den fran-
zösischen Kunstfreund. Sein Schmerz beruht
auf einer thatsächlich falschen Voraussetzung.
Er nimmt nämlich ohne weiteres an, dass
diejenigen Partien der Dürer'schen Malerei,
die im 17. Jahrhundert mit Farbe bedeckt
worden waren, also die Goldnctzc auf" den
Köpfen, das Ohr des einen Ritters und der
Drachen und die Fahnen, von Prot. Mauser
nach den Kopien ergänzt worden seien,
während in Wahrheit diese Dinge beim Fort-
wraschen der Uebermalung zum Vorschein ge-
kommen sind. Mit einer, vielen fran-
zösischen Bilderkennern eigenen misstrauischen
Unkenntnis der Restauriertechnik hält er für
unmöglich, dass ein erfahrener Restaurator
jüngere Farbeschichten ablösen könne ohne
die älteren zu beschädigen. Auch der Redak-
teur der Zeitschrift „Les Arts" hört mit über-

legener Skepsis münchener Kunde, als ein
Mann, der an Zauberkünste nicht glaubt.

Wir stehen vor einem Gegensatz zwischen
französischer Auffassung und deutscher Praxis,
der allgemein und wichtig ist. In Deutschland
hat man zu viel an den alten Bildern gethan,
in Frankreich zu wenig. Wir leiden daran, dass
manches von allzu energischen Restauratoren
beschädigt worden ist, haben aber wenigstens
den kleinen Vorteil, bei den teueren Versuchen
gelernt zu haben. In Frankreich hat man etwas
den alten Gemälden nichts Schlimmes gethan,
aber auch nichts Gutes, und der Louvrc kann
als eine unbekannte Gemäldegalerie betrachtet
werden, d.\ tausend Feinheiten, Nuancen und
Absichten der Meister unter vielfacher Schicht
von Schmutz und verdorbenem Firniss ver-
borgen liegen. Keine Reinigung ist besser als
eine Verputzung, und dass ein Konservator
konservativ ist, mag sich ziemen. Eine Me-
thode aber, die, um das Bild zu konservieren,
auch alle Krankheiten, Schäden, Entstellungen
konserviert, wird wohl nicht als letzte und

hOchstc Weisheit der Bilderhygiene anerkannt

bleiben.

AUS DEM TAGEBUCIIK

VON

EUGENE DELACROIX

LS Rubens im Alter von mehr als
fünfzig Jahren als Gesandter zu
dem Könige von Spanien ge-
schickt wurde, verwendete er
dieZeit, die ihm seine Geschäfte
liessen, dazu, die prächtigen
italienischen Originale, die
man noch jetzt in Madrid
sieht, zu kopieren. In seiner Jugend hat er un-
geheuer viel kopiert. Dieses Kopieren, das von

* Wir beschliessen hiermit die Reihe von Bruchstücken aus
Eugene Delacroix' Tagebuch, einem der köstlichsten Malcr-
bücher die uns vermacht sind. Der fertige Hand ist in diesen
Tagen erschienen.

den modernen Schulen vollständig vernach-
lässigt wird, verschaffte ihm sein riesiges
Wissen.

Kopieren war die Erziehung fast aller
grossen Meister. Man ei lernte zuerst die Manier
seines Meisters, wie ein Lehrling ein Messer
zu machen lernt, ohne seine Originalität zu
zeigen. Dann kopierte man alles, was einem
von den Werken gleichzeitiger oder früherer
Künstler in die Hände fiel. Die Malerei war
zuerst ein richtiges Handwerk. Man war
Bildermac her, wie man Glaser oder Tischler
war. Die Males malten Schilde, Sättel, Fahnen.
Diese ersten Maler waren mehr Handwerker

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