Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 1.1902-1903

Page: 427
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kk1902_1903/0436
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Delacroix' sieht, hat man begreiflicherweise war vorher nicht nur mit wenigen Decamps,
den Wunsch, die grossen älteren Werke des sondern überhaupt mehr als massig mit der
Meisters, die unten geblieben sind, mit ihnen zu ruhmreichen Schule von 1830, auf die sich
vergleichen. Die Unzulänglichkeit des Louvre schliesslich die ganze moderne Malerei auf-
für seinen Riesenbesitz springt in die Augen, baut, versorgt. Natürlich, von Delacroix ab-
Unten hat die Einrichtung des Rubenssaals gesehen. Man hatte in den Glaneuses einen
vor drei Jahren mit der Flucht von Kabinetten einzigen typischen Millet, von den Anderen
einigermassen Uebersicht geschaffen. Davon mehr oder weniger gute Sachen in ver-
abgesehen ist von einer vernünftigen Auf- schwindender Anzahl, von Duprc gar nichts.
Stellung wie in Berlin oder in der londoner Heute ist auf einmal der Louvre die Galerie
National Gallery noch lange keine Rede. Das der Maler von 1830. Manche wie Diaz und
Zusammenpferchen, wie es der Louvre not- Decamps lernt man jetzt überhaupt erst kennen,
gedrungen betreibt, kommt nur den schlechten Bei Diaz zu seinem grössten Vorteil, anders
Bildern zu gute, man sieht sie immer noch zu bei Decamps. Seine Bilder sind so gut wie
viel. Die guten werden dadurch ruiniert, Decamps' überhaupt sein können, ja sogar
man sieht sie gar nicht. Und im Louvre etwas besser. Man ärgert sich beinahe über
wäre Platz, wenn sich die kunstsinnigste das immense Können bei so wenig Distink-
Nation entschliessen wollte, diesen recht ge- tion.

räumigen Palast für ihren höchsten Stolz zu Dagegen Diaz! Der Louvre hatte von ihm
reservieren, wenn man z. B. das Ministerium ausser den Waldbildern das bekannte „N'en-
der Kolonien ausquartierte, auf dessen haar- trez pas 1", die vier halbnackten Frauenfiguren
sträubend feuergefährliche Nachbarschaft in der Säulenhalle, deren kühle Schönheit
demnächst wohl einmal wieder wie alljährlich ebenso gut von einem nach Spanien ver-
in der Kammer energisch und erfolglos hin- schlagenen Raffaelepigonen stammen könnte,
gewiesen werden wird. Die Note erklärt sich jetzt. Dieser Waldmensch
Nun mag die Sammlung Thie'ry sich hinter ist in Arkadien gewesen. Es bleibt rätselhaft,
allen Kriegsschiffen der Welt verstecken, sie wie er in die biedere Gesellschaft der Fon-
lohnt jede Anstrengung. Sie ist des Louvre tainebleauer hineingekommen ist. Er gehört
würdig, was sehr viel sagen will, ja sie hat eher zu den Fontainebleauern des 1 6. Jahr-
eine ganze Anzahl Werke, die in dem Salon hunderts, die sich um den Primaticcio sammel-
Carre, der Tribuna des Louvre, Platz finden ten. Er hatte ganz sicher nicht die felsenharte
könnten, wenn dort noch Platz wäre. Privat- Persönlichkeit Rousseaus oder Millets, aber da-
sammlungen sind deshalb schöne Geschenke für welchenGeschmack! Während die Anderen
für öffentliche Galerien, weil sie können, was keusch und inbrünstig die Mutter Erde küssten,
ein Museum nie darf. Sie können sich die in träumte er von einem blonden Tizian, abernicht
Kunstsachen einzig wahre, wenn auch meinet- von dem alten; das epigonenhafte daran ist
wegen bornierte Beschränktheit des Liebhabers mehr eine Kostümfrage, er spielte mit schönen
leisten. Fällt wie hier die Einseitigkeit auf Farben, stellte schöne Gruppen zusammen,
gute Dinge, so kann ein Museum mit einer schwelgte in einem ganz zarten Rhythmus.
Schenkung ein vollkommen neues Gesicht Wie mögen die Anderen über ihn geschimpft
bekommen. Thiery hatte den Einfall, von haben, als er diese Nymphen unter den Bäumen
zwölfdergrösstenMenschenderGeneration von oder die pikante Komposition der Badenden
1830 je ein Dutzend ausgezeichneter Werke an dem Seegestade entwarf. Auch der un-
zu sammeln. Bei Decamps hat er es sogar sterbliche Corot hatte Nymphen — Thiery
auf ein und ein halb Dutzend gebracht, die hat eine ganze Auswahl —, aber sie waren in
ein schönes Geld gekostet haben, und es ist den diskreten Schleier seiner Morgen- oder
schade, dass dafür Millet mit einem halben Abendstimmungen gehüllt. Bei Diaz wurden
Dutzend zu kurz gekommen ist. Der Louvre sie Träger koloristischer Effekte; es war ihm

427
loading ...