Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 1.1902-1903

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Basis, auf welcher ihre Urteile fassen. Das ist
richtig.

Die Urteile, führt Hans Holtzbecher aus, seien
lediglich eineGeschmackssache und „wat dem Eenen
sin Uhl, is dem Annern sin Nachtigall." „Die her-
vorragendste Schuld an dem Herauskommen un-
gerechter Urteile", fährt er dann fort, „trägt ohne
Zweifel das hastige Aburteilen hunderter von
Kunstwerken an einem Tage. Dadurch erlahmt
naturgemäss die Urteilskraft der Juroren, sie be-
trachten schliesslich die Werke als laufende Num-
mern, während dieselben für ihre Verfertiger
Schicksale bedeuten." Auch das ist richtig. Auch
die interessante Thatsache wird angeführt, dass
die berliner grosse Kunstausstellung wiederholt
Böcklin zurückgewiesen hat. Es dürfe, sagt Hans
Holtzbecher und wir möchten ihm darin durchaus
nicht widersprechen, nicht eine ganze Bürgerklasse
in ihren Lebenswurzeln getroffen werden. Das
ist auch unsere Meinung; wir glauben, die grossen
staatlichen deutschen Ausstellungen sind Vertre-
tungen einer Bürgerklasse, der Berufsklassen der
Maler und Bildhauer, und dass sie mit den kleinen
gewählten Sonderausstellungen von einzelnenClubs
wenig Berührungspunkte haben. Holtzbecher führt
einzelne Verbesserungsvorschläge an. Man kann
ihmbeipflichten, wenn er nachweist, dass der Grund-
satz der Teilnahme Düsseldorfs an der Leitung
der berliner Ausstellungen längst veraltet ist; man
kann ferner den Vorschlag in Holtzbechers plau-
sibler Fassung erwägenswert finden, dass eine
Revisionsinstanz gegen die Urteile der Jurys zu
schaffen sei: der Künstler, der appellieren will,
muss nach Holtzbecher die Zustimmung zweier
Mitglieder der ersten Jury haben, damit wird ver-
mieden, dass alle refüsierten Künstler zu diesem
Mittel greifen. Immer jedoch wird trotz solcher
Verbesserungen im Detail es sich als ganz unmög-
lich herausstellen, dass die beklagten Zustände
schwinden. Selbst wenn wir — der Traum Zolas,
der Traum Holtzbechers — keine Jurys mehr
hätten: der Unterschied, der zwischen den Bildern
eintritt, je nachdem sie in Sälen mit gutem Licht,
in Sälen mit schlechterem Licht, gegenüber dem
Beschauer oder hoch über dem Beschauer gehangt
werden, würde genügen, um unter den Künstlern
Gefühle der Unzufriedenheit und tiefen Missmutes
zu säen. Und kann man denn auf eine Jury ver-
zichten? Müssten dann nicht die grossen Aus-
stellungen ins vollständig Dilettantische und Ufer-
lose sich aus wachsen? An welchem Punkte aber
die unentbehrlichen Jurys halt zu sagen hätten,
bei welchem Grade der Schlechtigkeit oder der
Magerkeit der eingesendeten Werke, wer kann es
sagen? Die Entscheidung darüber hängt so sehr
von der Kunstbedeutung der Stadt, in der die Aus-
stellung veranstaltet wird, ja von dem Jahr und
der Stunde, in der sie stattfindet und noch von so

vielen einzelnen Erwägungen ab, dass selbst, wenn
wir nicht Künstler zu Juroren zu machen brauch-
ten, sondern uns leblose Waagen mit garantierter
Präzisionstechnik für dieses Amt zur Verfügung
gestellt werden könnten, noch nicht der glorreiche
Sommer der Erfüllung aller Hoffnungen auf Ge-
rechtigkeit und Einsicht eintreten würde. Ganz
unrichtig ist die Behauptung in der Broschüre, dass
Prof. Kampf den Druck einer Parteirichtung fühlbar
machte. Irrtümlich ist auch die Behauptung, dass
der Verein Berliner Künstler Juryfreiheit für seine
Mitglieder hätte beanspruchen dürfen, weil die
Genossenschaft der Mitglieder der Akademie sie
besitzt; zum mindesten ist es in hohem Grade un-
wahrscheinlich, dass der Gesetzgeber an eine Gleich-
berechtigung der Körperschaft der Akademie und
der Mitglieder des Künstlervereins in diesem

Punkte gedacht haben sollte.

H.

KREFELD

m Kaiser-Wilhelm-Museum in Kre-
feld hatte man diesen Sommer eine
bemerkenswerte Ausstellung holl-
ländischer Kunst eingerichtet: eine
Sammlung wie man sie jenseits Holl-
lands Grenzen wohl noch nicht zu-
sammen gesehen hat. Wem bekannt ist, wie zurück-
haltend die Holländer im allgemeinen in Bezug
aufs Ausstellen sind und wie schwer es wird,
bei uns etwas von den Sammlern sich zu leihen,
muss die Energie der Museumsdirektion, welche
hier doch etwas Bestimmtes erreichte, durchaus
loben.

Namentlich die angewandte Kunst war sehr gut
vorgeführt, sogar in Holland sah ich noch nie so-
viel holländische „Gebrauchskunst" zusammen.
Ob nun auch die Früchte dieser jungen Bewegung
schon alle recht reif sind, ist nicht die Frage; das
Ganze wies aber auf eine lebhafte und bewusste
Bewegung hin, die sich nur durch zu schnelle Er-
folge nicht irre machen lassen sollte. Namentlich
was Dysselhof, Lion Cachet, Nieuwenhuis und
Mendes da Costa hier hatten, zeugt von ausser-
ordentlicher Begabung und beruht ebenso wie
Eisenloeffels Sachen auf gesundem Bestreben.
Schade dass nicht auch Derkinderens mehr auf
Tradition gegründete monumentale Kunst irgend
eine Vertretung fand.

Ganz repräsentativ war auch die Schwarz-Weiss-
Abteilung. IsracPs warm ergriffene Radierungen,
Bauers geniale Improvisationen von einem traum-
haften Orient, Duponts streng vertiefter Kupfer-
stich der von einem seltenen Beherrschen des
Metier zeugt und Witsens herb geätzte Stadt-
ansichten beweisen ohne weiteres, wie die hol-

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