Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 1.1902-1903

Seite: 469
DOI Seite: Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kk1902_1903/0478
Lizenz: Freier Zugang - alle Rechte vorbehalten Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
MODERNE BAUKUNST

VON

KARL SCHEFFLER

WER noch nicht erfahren hat, welchen
bedeutenden Einfluss soziale Kultur-
tendenzen auf Urteile der Aesthetik gewinnen
können, dem bietet jetzt der Zufall ein be-
quemes Beispiel in einer Strasse der Hauptstadt.
Ein modern Empfindender, den man auf einem
Spaziergange durch die Leipzigerstrasse fragt,
ob die Architektur des Warenhauses Wertheim
oder die des gegenüberliegendenneuenHerren-
hauses stärker auf ihn wirke, wird sich mit
lächelnder Selbstverständlichkeit für das Wert-
heimhaus entscheiden. Betroffen aber wird
es ihn dann machen, wenn er einmal in später
Abendstunde, wo die Gebäude in monumen-
taler Geschlossenheit und
ruhigerMächtigkeit aus blei-
cher Grossstadtdämmerung
herauswachsen, vor dem
Neubau des Herrenhauses
eine überraschende Sensation
erlebt, wenn ihm hier un-
vermittelt, bevor die vom
Verstände erzogene Tendenz
Zeit hat, das Urteil zu fär-
ben, eine Impression von
Grösse und Schönheit wird,
der gegenüber der Eindruck
des Geschäftshauses nicht
stand hält. Er weiss, dass
die Architektur des staat-
lichen Repräsentationsge-
bäudes im Grunde eine ar-
chaistische Unwahrheit ist,
dass die Formen entliehen,
die Verhältnisse erbettelt wilhelm kreis, Entwurf

469

sind und der künstlerische Geist sich in
phrasenreicher Unselbständigkeit bewegt; und
er empfindet klar, wieviel gesundes Wollen
und kluges Vermögen in der Facade des
Zweckbaues auf der andern Seite der Strasse
Ausdruck gefunden hat. Dennoch: wie die
beiden Gebäude unter dunklem Nachthimmel
nun da liegen, grüsst aus den steinernen
Massen des unpersönlichen Epigonenwerkes
eine reine, aristokratische Schönheit und die
unserer Zeit ungleich wertvollere Leistung
eines feinen und wagemutigen Geistes wirkt
daneben mondain und ärmlich zugleich.
Wenn dieses Urteil des nicht reflektierenden

I
loading ...