Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 1.1902-1903

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Gefühls am Tage dann revidiert wird, kann
es nicht mehr umgangen werden, trotzdem
das Gerechtigkeitsgefühl dagegen opponiert
und erklärt, der Architekt des Herrenhauses
sei ein gleichgültiger Regierungsbeamter und
der Erbauer des Warenhauses eine persönliche
Künstlernatur.

Seit kurzem hat man in den Kreisen der
modernen Nutzkunst und der in ihr sich er-
neuernden Architektur allem, was von alter
Kultur in unser Jahrhundert hineinragt, den
Krieg erklärt. Es ist nützlich gewesen; jedoch
nur, solange wirklich neue Werte produziert
worden sind; die Berechtigung zur Tendenz hat
in demselben Masse abgenommen, wie die
Anstrengungen der Künstler nachgelassen haben
und wie man versucht, das mit jähem Ruck Er-
reichte für etwas nahezu Fertiges auszugeben.
Reine uralte Schönheit, die während
des Kampfes ganz vergessen worden
ist, tritt ruhig wieder hervor und
fordert lächelnd zum Vergleich auf
Und wie der Intellektuelle im Ur-
teil noch schwankt, sieht er die
Skulptur, das Kind der Baukunst —
sei es in der Gegenwart auch ge-
artet wie es wolle —, sich dieser
Schönheit anschliessen, ohne Zau-
dern, als könnte es nicht anders sein.
Niemand braucht sich zu schämen,
dass das Neue im Vergleich unter-
liegt, denn die Ergebnisse eines
kurzen Jahrzehntes können nicht mit
Bildungen konkurieren, die in Zeit-
räumen von Jahrhunderten geworden
sind; aber jetzt, in einer Pause des
Kampfes, die fast wie Ermattung
aussieht, ist es gut, sich klar zu
machen, wie unendlich weit der
Weg bis zur Vollkommenheit ist
und wozu der hoffnungsvolle An-
fang verpflichtet.

Im Verhältnis, wie die Architek-
tur dieses Kaufhauses zur Baukunst
einer grossen Vergangenheit, stehen
fast alle modernen Werke zu den
reifen Vollkommenheiten alter Kul-
turen. Der Baumeister fühlt den

Abstand am tiefsten, weil seine Kunst nichts
mit nachahmendem Naturalismus zu thun
hat, sondern sich in den Gebieten der reinen
artistischen Abstraktion bewegt, und weil sie
auf der andern Seite doch wieder durchaus
an praktische soziale Bedürfnisse gefesselt ist.
Keine Kunst ist zugleich so abstrakt und kon-
kret. Die Baukunst erzählt nicht, verzichtet
auf alles Gegenständliche und wendete sich
nicht an die Empirie, sondern nur an das
instinktkräftige Lebensgefühl. In den Bau-
stilen der Vergangenheit, die zum Werden
und Reifen grosse Zeiträume brauchten,
spiegelt sich der konzentrierte, von allem
Zufälligen gereinigte Geist ganzer Völker.
Die höchsten Aufgaben der Baukunst be-
standen stets darin, den höchsten sozialen
Gemeinschaftsgedanken steinerne Gegenbilder

A. MESSEL, FA^ADE WERTHEIM

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