Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 2.1904

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Welt auf, aus ihr weht uns schneidende Kälte entgegen.
Sem bleibt nach dieser Seite leer. Er ist höchstens mo-
mentphotographisch unheimlich. Er verblüfft. Und er
gefällt. Lautrec ist nicht gefällig; nichts weniger als
das. Wenn Lautrec ein Porträt zeichnet, wird der Dar-
gestellte ein Opfer unter seiner Hand. Bei Sem nie-
mals. Es lässt sich am besten vergleichen, wenn man
die Yvette Guilbert von Lautrec mit dem Umschlag der
Demi-Vierges von Sem vergleicht. Man fühlt die
Gegensätze ganz deutlich.

Das Bewusste hat nun Vallotton mit Lautrec gemein.
Er hat es bis zur Manier. Freilich kommt bei ihm eines
hinzu: er ist ein Holzschneider, der nie seinen Holz-
stock vergisst. Darum bringt er Fläche und Linie so
fein zusammen. Er spricht ganz gleichwertig in beiden,
ohne dass man eine Reibung spürte. Und mit dem nie
verlornen Gedanken an die Vervielfältigung hängt es
bei ihm zusammen, dass seine Linie nie ins Zarte gerät.
Selten ist sie weich, und nur wo es sich technisch un-
bedingt verträgt, hat sie Fluss. So viel Geist er in seine
Arbeiten legt, er drängt ihn nie auf. Er brilliert nie,
dazu ist er zu viel Künstler — er verliert die Bild-
haftigkeit nie aus dem Auge. Selbst seine Schärfe muss
man oft suchen. Leandre kombiniert. Ich sah ihn ein-
mal bei der Arbeit, bei der Beobachtung. Er sucht lange ;
er sucht vieles; das Einzelne genügt ihm nicht. Er
arbeitet wohl so: erlegt auseinander und schliesst dann,
gesteigert, die Einzelheiten zu einem — im humoristi-
schen oder satirischen Sinn — erhöhten Ganzen zusam-
men. Er hat am ehesten die Szene nötig, den Vorgang.
Er lässt den Vorgang nicht nur mitsprechen, er lässt
ihn sogar oft das meiste aussprechen. Man möchte zu-
sammenfassen: — Sem ist vorwiegend Humorist, viel-
leicht nicht mehr als Humorist — Vallotton ist vor-
wiegend Satiriker, Leandre ist ein Zusammenschluss von
beiden, aber mehr im vermittelnden Sinne. Er ist ein
Ausgleicher.

Forain fehlt. Man kann ihn sich ohne weiteres er-
gänzen. Er ist zudem immer der gleiche, er wiederholt
sich immer. Er kultiviert die künstlerische Hässüchkeit,
und das Gemeinste des Lebens scheut sein Stift nicht.
Es ist seltsam. — Oft bestaunt man ihn — und die ge-
wollte Flüchtigkeit seiner Technik geht ausserordentlich
gut mit dem Inhalte seiner Darstellungen zusammen.
Und dennoch fordert er nicht — nicht mehr — zu Be-
trachtungen auf.

Von der Plastik Laplagnes möcht ich sagen, dass
seinem Witz der Geist und seinem Geist der Witz fehlt.
Was Humor bei ihm ist, liegt auf der Hand. Man
braucht nicht besonders danach zu greifen. Seine
kleinen Sachen sind ganz amüsant. Manchmal stehen sie
an der Grenze des Geschmacklosen. Weniger in ihrer Aus-
führung, als vielmehr in ihrer Auffassung. Aber darum

versteht sie auch jeder. Etwas allgemeiner in ihrem Inhalt
wären sie für den Bazar gut. Wilhelm Holzamer.

AUS DEM HAAG. - Die Ausstellung alter Por-
träts im Haag, welche jetzt geschlossen worden
ist, war keineswegs ein Ereignis, wie etwa die brügger
Ausstellung im vorigen Jahre, — sie bot keine besondere
Gelegenheit zu neuen Vergleichen oder tieferen Studien,

— sie gab nicht einmal ganz hervorragende Meisterwerke
zu gemessen,— sie führte auch nicht ein abgeschlossenes
Stück Kunstgeschichte mehr oder weniger komplett vor
unsereAugen; —und dennoch war sie in der Reihe der er-
müdend vielen Ausstellungen mehr als eine gewöhnliche,
weil die Bilder der alten Holländer nun einmal mehr als
gewöhnlich gut bleiben. — Sie malten so einfach, so schlicht
für sich hin, so garnicht zur Schau stellend, das ihre Bilder
in unserer doch oft zu sehr aufs Äusserliche wirkenden
Zeit immer wieder fast überraschend berühren. —

Es giebt Leute, welche diese objectiven alt-hollän-
dische Durchschnitts-Porträts, bei allerUnverdorbenheit,
dochzu nüchternfinden Das mag jamanchmal derFall sein,
und dennoch hat dieses unbewusste Prinzip der treu-
herzigen Hingabe, woraus sie entstanden, der Welt un-
endlich viel Schöneres bereitet als es manche sogenannte
grosse Auffassung zu thun im Stande sich zeigt.

Man hat in unserer Zeit, auf solchen Auffassungen
beruhend,Porträts entstehensehen,in denendasSubjektiv-
künstlerische freilich als Hauptfaktor gelten kann. Aber
wo führt das Alles dann hin? Mir sind Abbildungen von
berühmtenZeitgenossenbekannt,beidenendieAuffassung
so dick oben drauf liegt, dass sie aussehen als hätten
nicht die Originale selbst, sondern Schauspieler, welche
für die Originale spielten, dafür Modell gestanden —
die Grime drängt sich vor und hat zur Grimace ge-
führt. Man meint das glänzende Rampenlicht zu merken.

— Die Absicht ist so deutlich, dass der Künstler keine
andere Stimmung hervorbringt als eine Verstimmung.
Ein tieferer Halt fehlt vollkommen. Dazu nun führt
solche künstlerisch-subjektive Auffassung!

Die Grundlage aber jedes Porträts liegt in dem Glau-
ben an die unerschöpfliche Schönheit der Wirklichkeit
selber, und in der sachlichen Hingabe des Malers dieser
ungeschminkten Wirklichkeit gegenüber. Darin nun
waren die alten Holländer gross.

Sie treten dem Leben mit Respekt entgegen, — sie
setzten sich nicht in Positur etwas Grossartiges zuleisten,

— sie stellten nichts zur Schau. Und dennoch haben sich,
gerade auf ihrem einfachen Fundament, Meister wie
Frans Hals und Rembrandt mit Sicherheit emporheben
können.

Das, meine ich, war man auf der haager Porträtaus-
stellung wieder einmal zu sehen im Stande. Jan Veth.

ZWEITER JAHRGANG, ZWEITES HEFT. REDAKTIONSSCHLUSS AM 22. OKTOBER, AUSGABE ANFANG NOVEMBER £!EUNZEHNHUNDERTDREI
VERANTWORTLICH FÜR DIE REDAKTION: BRUNO CASSIRER, BERLIN. DRUCK IN DER OFFIZIN VON W. DRUGULIN, LEIPZIG.
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