Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 2.1904

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nicht bei ihm einzutreten, der Kunsthändler holte
dich nicht herbei, du suchtest ihn auf. Gefallen
dir seine Ausstellungen nicht, so wirst du ein
andres Mal nicht zu ihm hineingehn, die Strasse
lässt dich vorüber, keine Seele zwingt dich, das
Trottoir zu verlassen . . .

Und so kann man dazu kommen, die Kritik,
welche man in Schauspielhäusern und in Kunst-
ausstellungen übt, gewissermassen für ein un-
delikates Einmischen in fremde Angelegenheiten
zu halten. Ein wahres Anrecht auf unsern Frei-
mut haben nur die Häuser mit hässlichen Facaden,
die an öffentlicher Strasse liegen, und die Monu-
mente, wenn sie nicht im verschwiegenen Grün
der Gärten aufgestellt sind. Denn über die Strasse
müssen wir. Und hier stellen sich uns die häss-
lichen Häuser und Denkmäler entgegen.

Auch da giebt es noch Gradunterschiede.
Man kann die Siegesallee vermeiden, man kann
jedoch nicht umhin, durch das brandenburger
Thor zu kommen. Und da sieht man . . .

Es ist indes noch ein anderer Unterschied
zwischen der Siegesallee, über welche wir uns
so oft geärgert haben, und der Denkmalsanlage
vor dem brandenburger Thor, die den neuen Quell
unseres Ingrimms bildet.

Die Siegesallee war ein Missgriff an einer un-
historischen Stelle. Und ihre Denkmäler — so
Böses man von ihnen auch sagen mag — sind
mehr banal als entsetzlich, mehr „common place"
als auffallend missraten, mehr das, was man an
Schwäche der Kunstübung bei den Vielzuvielen
erwartet, als das, was sich als ein Himalaja der
Geschmacklosigkeit heraushebt. Die Denkmäler
in der Siegesallee hielten — bis auf den
orthopädischen Mann allerdings, bis auf den
orthopädischen Mann und, ach ja, nun fallen uns
auch die andern besonders schlechten Denkmäler
ein — im grossen und ganzen hielten sie jedoch
immerhin eine Art von Niveau aufrecht und wirkten
vielleicht nur deshalb so scheusslich, weil ihre
Massenhaftigkeit erdrückte. Im grossen und ganzen
steht es fest, dass wir jetzt mit ihnen vertraut
geworden sind und sie nicht mehr sehen. Wir
gehen, fahren und reiten durch die Siegesallee jetzt
mit grosser Gelassenheit, der Mensch vergisst ja so
rasch. Werden wir aber je dahin kommen, dass
wir auch an den beiden neuen Monumenten vor
dem brandenburger Thor werden vorüberkommen
können und sie nicht mehr sehen: Aus Gemeinheit
ist der Mensch ja gemacht und die Gewohnheit

nennt er seine Amme; vielleicht schon in einigen
Monaten stören uns diese mit verschwenderischer
Hand ausgestreuten langen weissen gleissenden
Linien vor dem brandenburger Thore nicht mehr,
unser Auge gleitet über sie hin und nimmt sie nicht
mehr wahr, gleichmüthig, als ständen sie von Ewig-
keit an da, gehen wir an ihnen vorüber — dann
aber dürfen wir beklagen, dass unser Empfinden
für das, was hier hässlich ist, durch den täglichen An-
sturm dieser Hässlichkeit aufgelöst und weg-
gewaschen werden konnte, dass unsere ästhetische
Reizbarkeit hat vermindert werden können. . . .
Und jedenfalls jetzt stehen wir noch unter dem
vollen Eindruck des unerhörten Missratenseins
dieser Monumente und unsere Kritik schwillt zu
den höchsten Tönen an.

Die beiden Bildhauer haben sich nicht mit
Ruhm bedeckt. Namentlich der Bildhauer Gerth,
der Urheber der Statue der Kaiserin Friedrich, hat,
wenn ihm die Hand nicht von anderer Seite gelenkt
wurde, unbegreifliche Schwächen gezeigt. Brütt,
einer der Wenigen, die sich in der Siegesallee mit
Anstand aus der AfFaire gezogen hatten, ist in seinem
Denkmal des Kaisers Friedrich ausserordentlich
weit hinter sich selbst zurückgeblieben. Er hat sich
den Panzer des Kaisers aufoctroyieren lassen und
das mag mit zu dem unglücklichen Aussehen seines
Denkmals beigetragen haben. Unter allen Um-
ständen stören diese beiden Gestalten des Kaisers
und der Kaiserin nicht sehr. Nicht ihretwegen ist
die Denkmalsanlage einfach entsetzlich, sie würde
vielmehr auch verunglückt gewesen sein, wenn
selbst die beiden Statuen vorzüglich gewesen wären.
Denn auf die Statuen kommt es hier gar nicht an.
Sie haben in dieser viel zu weit gegangenen Anlage
nur den ästhetischen Wert von Vasen oder von
Adlern oder von Springbrunnen. Nur der Archi-
tekt, der Urheber der Gesamtanlage, ist schuldig,
der Hofbaurat Ihne. Wie weit er wirklich schuldig
ist, kann man allerdings nicht sagen, nicht wissen.
Aber die Verantwortung für diese Denkmalsanlage
trägt allein er. Es ist keine Denkmalsanlage,
sondern eine Aufreihung von Barrieren; Brustwehren,
die nichts zu wehren haben; von ärgster Phrasen-
haftigkeit der Architektur, die dennoch ein nüchternes
Gepräge trägt. Und Das gegenüber dem branden-
burger Thor, gegenüber diesem keuschen Denkmal,
an diesem historischen Platze, an diesem lieblichen—
lieblich gewesenen — Eingang zum Tiergarten.

Hatte man ein Recht, diese historische Stelle
so zu verändern?

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