Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 2.1904

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den grossen Nutzen gehabt, auch dem Fernstehen-
den die künstlerische Bedeutung dieses Kunstgebietes
vor Augen zu führen. Sie hat gezeigt, dass die
islamische Kunst nicht mehr als quantite negligeable
betrachtet werden darf, dass ihren Schöpfungen
ein ebenbürtiger Platz neben denen anderer Kultur-
perioden gebührt, dass die muhammedanische Kunst
in ihrer Farbenfreudigkeit, in ihrer ornamentalen
Grösse vor allem auch geeignet ist, dem modernen
Kunstschaffen neue Wege zu weisen. Die grossen
staatlichen Museen von London und Paris sind dank
der jahrhundertelangen Beziehungen Frankreichs und
Englands zum Orient im Besitz von hervorragenden
Schätzen und bemühen sich, sie nach Möglichkeit
zu vermehren. Deutschland steht hier dem Auslande
gegenüber teilweise im Hintertreffen, wenn auch
einzelne Gebiete der orientalischen Kunst auch bei
uns schon längst rege Beachtung gefunden haben. So
besitzt das Kunstgewerbe-Museum in Berlin neben
einer besonders reichen Sammlung orientalischer
Stoffe eine schöne Kollektion türkischer Wandfliesen;

auch im neuen Kaiser Friedrich-Museum wird der isla-
mische Orient vertreten sein. Was in Deutschland
bisher noch fehlt, ist ein Museum, das alle Aeusse-
rungen der muhammedanischen Kunst gleichmässig
umfasst und jene wie keine zweite in sich abge-
schlossene Kulturwelt als Ganzes vorführt. Erst vor
kurzem ist von berufener Seite auf die Notwendig-
keit der Gründungeines grossen asiatischen Museums
in Deutschland hingewiesen worden, in dem neben
der ostasiatischen auch die muhammedanische Kunst
Vorderasiens und Persiens gebührenden Platz finden
sollte. Je länger man wartet, um so schwieriger
und kostspieliger wird sich die Verwirklichung
dieses Planes gestalten. Schon hat sich das kauf-
kräftige Interesse europäischer und amerikanischer
Privatsammler dem Orient zugewandt; es wird zum
Schaden staatlicher Ankäufe wachsen, je geringer
von Tag zu Tag die Möglichkeit wird, auf den sonst
üblichen Gebieten, sowohl der grossen Kunst wie
des Kunstgewerbes, den Sammeleifer erfolgreich
zu bethätigen.

DER HEIDEGARTEN

VON

ALFRED LICHTWARK

(SCHLUSS)

M Heidegarten lässt sich der
Wacholder zu tausend Zwecken
verwenden. Er kann paarweise
als hoher ernster Wegwächter auf-
treten, kann auf den Beeten neben
dem Hauptweg in Abständen
gepflanzt die grossen Rhythmen angeben, kann,
geschoren, Lauben, Exedren und Laubwände bilden
und ist auch statt des Buchsbaums als Einfassung
oder als zierliche Hecke innerhalb der Gartenanlage
zu verwenden. Soviel steht mir schon heute fest,
kommt einmal wieder eine Zeit, die den architek-
tonischen Garten liebt, dann wird der Wacholder das
vornehmste Baumaterial abgeben und für den Garten

geringeren Umfangs geradezu unentbehrlich sein.
Denn sein Wachstum hat Mass.

Auch vom Besenpfriem hat man noch nicht
viel gesprochen. Im Schmuck seiner rotgelben
Blüten ist er ein Busch von unerhörter Farbenpracht.
Seine Form entwickelt sich an den Heidhängen, die
er liebt, fast nie zu runder Schönheit, ihm wird
zuviel nachgestellt. Wo er geschützt und allein
steht, bildet er einen kugligen, zuweilen mehr als
mannshohen Busch von sehr regelmässiger Gestalt
und sattem Grün. Wenn die Schoten reifen, sitzen
sie dicht wie Blätter und geben der Oberfläche eine
krause Bewegung, die sehr gut wirkt. In deutschen
Gärten habe ich seine Form und Farben noch nie

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