Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 2.1904

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Ausspruch wagen dürfen, dass seine Bilder, abge-
sehen von der ungemein subtilen Behandlung,
sich, rein ästhetisch genommen, von den unrhyth-
mischen Puppen der Wachsfigurenkabinette nicht
unterscheiden, insofern sie nicht entstanden, son-
dern zusammengesetzt sind, so wird die Aehn-
lichkeit Gerö-
meschen Schaffens
mit Wachsfiguren-
produktion bei
seinen plastischen
Werken noch deut-
licher. Empfinden
für Plastik hatte
Gerome genau so
wenig wie Empfin-
den für Malerei.
Er glänzte in der
Plastik durch die
Details und durch
die Vielfarbigkeit.
Mit einer Bellona,
von 1872, in
Elfenbein, Mar-
mor und Bronze,
die er viele Jahre
hindurch vorbe-
reitet hatte, erreg-
te er mehr Wider-
willen als Zustim-
mung. Sie hatte
einen nicht tragi-
schen, nur gri-
massenhaften Aus-
druck und war
gemein in der
nach innen ge-
kehrten Fussstel-
lung. Später hatte
er hauptsächlich
Glück mit Bronze-
statuetten, denen
er durch Gold-,
Silber- und Patinierungen in verschiedenen Tönen
ein abwechslungsreiches Aeussere gab. Seine beste
Arbeit ist die Bronzestatuette eines jugendlichen Bo-
naparte, zu Pferde, in Egypten. Brach sich hier
der Enthusiasmus Bahn, der Gerome für Napoleon
beseelte? Gewiss ist, dass Gerome in diesem Werke
wärmer geworden ist und dass es eine angenehme
Linie auszeichnet.

BAPTISTE CARPEAUX

Gerome selbst war eine durchaus elegante
Erscheinung. Man möchte ihn als einen Husaren-
offizier, der in den Generalstab gekommen ist,
bezeichnen, so sehr vereinigte sich in ihm Ver-
wegenheit des Gesamtbildes mit Klugheit im Aus-
druck. Er hatte einen sehr dunklen, übrigens

schünenTeint.Von
dieser bernstein-
farbenen Haut
hoben sich um so
stärker das dichte
schneeweisse Haar
und der martiali-
sche Schnurrbart
ab.

In seinen jun-
gen Jahren wurde
eine Büste nach
ihm angefertigt.
Die Augen sieht
man hier ins Träu-
merische vertieft,
die schönen Züge
durch die Eigen-
schaften des Bild-
hauers edler ge-
worden. Vielleicht

verallgemeinert
die Büste den sol-
datisch wirkenden
Gerome etwas, sie
macht aus ihm die
Erscheinung „des"
schönen Künstlers
zur Zeit des zwei-
ten Kaiserreichs,
ein Abstractum.
Man sieht, wie der
Bildhauer ■— es
ist Carpeaux —
sich in den schö-
nen Gerome künst-
lerisch verliebt hat
und ihn sich zu eigen machte, ihn etwas umgestaltete.
Jedenfalls wird dieses wunderbare Werk des grossen
französischen Bildhauers noch leben, wennGeromes
Persönlichkeit, Ge'römes Bilder und Statuen vom
Staube der Vergessenheit bedeckt sind. Diese Büste
Carpeaux', an der das Wort „Gerome" steht, wird
unzweifelhaft das einzige Werk sein, mit dem sich
Gerömes Name verbindet. H.

BÜSTE GliROME'S

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