Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 2.1904

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seinen Höhepunkt in dem lachenden Kinderkopf
erreicht. Wir verweilen dadurch auf denselben,
um dann weiter gelockt zu werden durch ein Spiel
von Schatten und Licht, hinüber zu dem Vater
und dessen Hand, auf die sein nur matt beleuch-
teter Kopf sich stützt.

Das Ausklingen des Lichtes, das von dieser
Hand aus den Schatten die Herrschaft überlässt, um
nun in dem dunklen Hintergrund unterzutauchen,
ist unbeschreiblich schön. Wir fühlen, dass diese
Hand das Ganze halt.

Ueberhaupt sind die Hände auf den Bildern
Carrieres die eminentesten Porträts und Seelen-
studien.

Es ist als ob er in diesen Gebilden, die nicht
lügen und sich nicht verstellen können, denen man
keine Maske aufzwingen kann wie dem Gesicht,
den Schlüssel der Seele erblickte. So hat er in der
That eine Zeitlang nie ein Porträt ohne Hand ge-
malt. Carriere hat mir und L. v. Hofmann eine ganze
Serie von kleinen Leinwänden gezeigt und auf allen
ist mit Meisterhand eine Scene aus dem Leben seines
jüngsten Kindes notiert. Ich sage notiert, obgleich
es für mich fertige Kunstwerke sind.

Es sind immer dieselben Personen, und den
Mittelpunkt, den künstlerischen und seelischen,
bildet immer das kleine Wesen auf dem Schoss der
Mutter, umgeben von den Geschwistern. Jede
dieser kleinen Leinwände stellt eine banale Situa-
tion dar, die zum Kunstwerk erhoben wird durch die
Schönheit der Raumeinteilung, der Beleuchtung,
der Bewegung und des Ausdrucks, und deshalb sind
diese kleinen Leinwände grosse Kunstwerke, die
Frucht eines eminenten Könnens, das immer von
einer inneren Ergriffenheit geleitet wird.

Die Kunstwerke Eugene Carrieres erscheinen
so einfach in ihren Ausdrucksmitteln, so selbstver-
ständlich in ihrer Lichtführung und sie üben da-
durch jene wohlthuende Wirkung aus, dass man
von ihnen geht mit dem sicheren Gefühl, dass das
Leben doch schön und liebreich sei, sobald man
das eigentliche Leben lebt, entkleidet von all dem
Vielen, viel zu Vielen, das das Leben beschwert und
erschwert und behindert.

Man geht mit dem festen Vorsatz, sein eigenes
Leben zu vereinfachen und dem eigenen Leben da-
durch mehr zu gewinnen, dasselbe unendlich da-
durch zu bereichern. Ich könnte einen schlagenden
Beweis des Gegensatzes nennen, nämlich Beardsley.
Hat man sich mit ihm auch nur eine kleine Weile
beschäftigt, entdeckt man sich plötzlich ein Heer

von Wünschen, deren Erfüllung ganz gewiss keine
Zufriedenheit bringt. Doch momentan ist es nicht
Mode einfach zu sein. Man sucht kompliziert und
undefinierbar zu erscheinen, vergessend, dass jene
Höhe der Einfachheit wie sie in der Nacht und dem
Tag Michel Angelos ruht, der grösste Höhepunkt
der Kunst ist und ich glaube auch immer sein wird.

Aber Leben und Kunst, sind es denn so ver-
schiedene Dinge? Wenigstens bei Menschen., die
bewusst leben, die ihr Leben so zu gestalten
trachten, wie ein Künstler sein Werk?

Energisches Wollen, zähe Arbeit trotz allem
Genie, in unablässigem Ringen um diese letzte
höchste Einfachheit zu erreichen, das ist das ganze
Leben Carrieres.

Bei dem unerhörten innerlichen Leben, das
Carrieres Werken, seinen Mutter- und Kindbildern
wie seinen Porträts innewohnt, bin ich versucht
sein Elsässertum nicht ohne Grund anzuführen.
Ich weiss nicht ob Carriere deutsches Blut in sich
hat, aber diese Gefühlstiefe, die er besitzt, möchte
man gerne als deutsches Eigentum reklamieren,
obwohl, da Frankreich einen Millet besitzt, wir
eigentlich nicht mit Recht in alle Ewigkeit Anspruch
erheben können auf alles in der bildenden Kunst,
das durch eine tiefere Empfindung sich auszeichnet.
Jedenfalls ist das grandios Formale seiner Werke
leider wohl mehr den Franzosen zu verdanken. Diese
Vereinigung, die in solcher formalen Schönheit und
seelischen Vertiefung wohl noch nie dagewesen ist,
bildet die künstlerische That Eugene Carrieres.

Dass er keine Farbe malt — ich meine, gelb,
rot, blau, grün — sondern seine feine Koloristik
nur zwischen braunen und grauen Tönen hält und
mit diesen primitiven Mitteln eine Welt von Tönen
giebt, nur der Valeurs und des Kalt und Warm
sich bedienend, weiss jeder, der Carriere, das ist
seine Kunst, kennt. Trotz diesen einfachen Mitteln
haben seine Gestalten eine Grösse der plastischen
Wirkung die der Formengebung Rodins verwandt
ist. Und noch ein andres Merkmal von geistiger
Verwandtschaft fällt dem Besucher der Ateliers von
Rodin und Carriere auf. Das ist eine Leidenschaft-
lichkeit, un souffle de passion, die sowohl aus den
Werken Rodins wie aus den Bildern Carrieres
sich loslöst und den Beschauer umfängt. Eine
Leidenschaftlichkeit, die durch die Erkenntnis der
Endlichkeit aller Dinge bei Carriere einen feinen
Zug der Wehmut trägt, während sie bei Rodin
von einem trotzigen sich Auflehnen gegen un-
abänderliche Gesetze begleitet wird.

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