Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 2.1904

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Diesen Zug einer ganz leisen Wehmut findet
man selbst in den Porträts, die Eugene Carriere
geschaffen. Dennoch lösen diese Porträts den Kon-
flikt, der meist zwischen Besteller und Künstler
besteht. Sie sind ähnlich und haben doch jene
Grösse der Auffassung, die den betreffenden Men-
schen über sich hinaus zum Kunstwerk erhebt.

Ich sah ein Porträt von Auguste Rodin. Nur
den Kopf und es war mir im Moment, als ob es
mir diesem Porträt gegenüber viel leichter gelänge
eine Definition dieses schwierigen Problems, das
Rodin heisst, zu finden als in Gesellschaft von Ro-
din selbst oder seinen Werken.

Liebermann hat einmal zu Gerhart Haupt-
mann gesagt: „wissen Sie, ich habe Sie ähnlicher
gemalt als Sie selbst sind." Hier ist, so paradox es
klingt, eine grosse Wahrheit. Trotzdem dass Ger-
hart Hauptmann einer der markantesten und selt-
samsten Charakterköpfe ist, die sich im Laufe der
Jahre wenig ändern, ist mir heute noch in meiner
Erinnerung jenes Porträt Liebermanns das liebste
Bild Gerhart Hauptmanns, — ähnlicher, als er sich
selbst geblieben.

Jenes Bild Gerhart Hauptmanns war auch ganz
einfach — ebenfalls in grauen Tönen ohne viel
Aufwand von „schönen Farben" gemalt und übte
diese grosse nachhaltige Wirkung aus und nicht
allein auf mich.

Ob allzuviel der schönen Farben, da wo es auf
eine packende geistige Wirkung ankommt, uns in
unserem Empfinden stört, will ich nicht erwägen,
sondern konstatieren. Die Frühitaliener haben ein
liebliches Klingen von Tönen in ihren lieblichen
Madonnenbildern, die leidenschaftlich, ängstlich in-
tim beschützende Umarmung der Mutter in den
Bildern Carrieres würde durch eine lautere Farben-
gebung nicht unterstützt.

Darum ist es wohl sein Genius gewesen, der
Carriere, unbewusst im Anfang, zu diesem Verzicht
auf all die lauten Farben zwang. Darüber haben
sich Viele zuerst aufgeregt, aber es war nur, so lange
sie die unausbleiblich tiefe Wirkung, die jedes
Werk Carrieres bei ruhigem Betrachten auf jeden
der Kunstwerke anzusehen den Willen und die
Zeit hat — ausübt, an sich nicht erfahren hatten.
Denn die Hast unserer Lebensweise, die die meisten
Menschen bei allem, so auch beim Betrachten von
Kunstwerken, nur flüchtig verweilen lässt, ist ja die
Ursache aller Oberflächlichkeit.

Die Weilenden, die die Zeit haben, werden
nichts vermissen, sondern sich von den Werken
trennen um reicher und freier in ihre Welt zurück-
zukehren. Und dieses ist, glaube ich, doch das
Schönste und Beste, das uns ein Kunstwerk geben
kann.

Und Eugene Carriere, jetzt weit berühmt, hat
ruhig gewartet in steter Arbeit, bis nach und nach
der Kreis seiner Bewundrer, seiner Verehrer, seiner
Gläubigen sich erweitert hat, bis er nach und nach
seine Welt, die Welt erobert hat. Unbeirrt ging er
seinen Weg, ob man ihn verlachte oder wie man
jetzt thut, ihn bewundert. Unbeirrt im Vertrauen
auf seine Kraft, in unablässigem Ringen um die
Gestaltung seines Werkes, so schaffend, weil er so
schaffen musste. Dem Augenblick gehorchend in
seinen Zeichnungen und Skizzen, das Werk jedoch
ein reifes durchdachtes Kunstwerk, in dem der
nicht Wissende den langen Weg, dessen es bedurfte
um zu dieser schlichten Form des Ausdrucks zu
kommen, nicht sieht, das aber in höchster Meister-
schaft mit Wenigem Unendliches, Ewiges giebt.

Ein Suchender, der, zum Ziele gelangte. Unter
den vielen Berufenen ein Erwählter. Das ist Eugene
Carriere.

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