Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 2.1904

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CHRONIK

NACHRICHTEN, AUSSTELLUNGEN ETC.

Anton v. Werner veröffentlichte jetzt in den mün-
chenerneuestenNachrichteneineZuschfiftAlb.v.Kellers,

welche lautet:

„Und da (1893) kann es wohl geschehen sein, dass ich
(Keller) im Verlaufe des Diners zu Ihnen gesagt habe: Ein
Hauptgrund für die Entstehung der Secession in München
ist der Umstand, dass ein Künstler wie E. v. Stieler Präsi-
dent der münchener Künstlergenossenschaft ist. Sie hätten
der Vorstand der münchener Künstlergenossenschaft sein müssen,
unter einem Präsidenten von Ihrer künstlerischen Bedeutung
wäre es vielleicht gar nicht so weit gekommen.

So und nicht anders kann der Satz gelautet haben, das ist
logisch.

Setzen wir nun Ihre Version hierher:

Ein Hauptgrund für die Entstehung der Secession in
München ist der Umstand, dass ein so unbedeutender Künstler
wie E. v. Stieler Präsident der münchener Kunstgenossen-
schaft ist. Sie müssten unser (das heisst der Secession)
Vorsitzender werden. Sie wären der rechte Mann dazu."

Anton v. Werner vertiefte durch die Mitteilung von
dieser Zuschrift die sichere Überzeugung, dass seine
Version die unrichtige ist. Keller kann nicht gemeint
haben, dass Anton v. Werner Vorsitzender der münchener
Secession werden sollte, er kann, das geht aus dem Habi-
tus des Gesprächs hervor, nur haben ausdrücken wollen,
dass einer sehr unbedeutenden Persönlichkeit gegenüber
ein Mann wie Anton v. Werner vielleicht die mün-

chener Kunstlergenossenschaft besser repräsentiert hätte.
— Selbstverständlich ist das auch unsere Meinung.
Gegenüber Eugen v. Stieler ist Anton v. Werner ein
Gott.

Die Komik der Wernerschen Situation liegt zweifel-
los darin, dass das Missverständnis eben Anton v. Werner
und dass es ihm bei einer Broschüre begegnete, deren
Ausgangspunkt es bildete, dass leichtsinnige Menschen
getadelt wurden, welche Angaben gemacht hatten, die
nicht ganz korrekt waren. Wenn Anton v. Werner nicht
einmal mehr richtig registriert, wenn bei diesem Manne,
der über alle Briefe, die er geschrieben, über jeden
Besuch, den er gemacht hat, genau Buch führt, die
Korrektheit nicht mehr die Domäne bleibt, in der er
siegt und herrscht - was bleibt dann von Anton
v.Werner noch übrig? Zweifelnd betrachten wir Anton
v. Werners neuestes Bild, das Porträt des Generals
v. Alvensleben in der Nationalgalerie auf die Knöpfe und
Orden hin. Vielleicht ist ein Fehler selbst in den
Knöpfen; vielleicht hat v. Alvensleben einen Orden auf
dem Bilde, den er in Wirklichkeit gar nicht hat. An

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