Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 3.1905

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SITZMÖBEL

VON

FELIX POPPENBERG

M Lichthof des Kunstgewerbe-
museums ist, unter Leitung von
Dr. Georg Swarzenski, eine Aus-
stellung des Sitzmobiliars ver-
anstaltet worden. Sie
illustriert wirksam und
anschaulich das vor
einem Jahr erschienene
instruktive Tafelwerk
Alfred Gotthold Mey-
ers Ober das gleiche
Thema. Einen leben-
digen Reiz empfängt
der gut auf Gruppenwirkung inscenierte Raum
noch durch die Bilder seiner Rahmenwände, die
in Originalen und Reproduktionen Interieurs aus
den verschiedenen Perioden geben.

Mannigfache Anregungen kann man in dieser
Ausstellung finden, man kann verfolgen wie ein
Typus seine Seelenwanderung durch die Epochen
macht und wechselnd die charakteristischen Zeichen
des herrschenden Stils annimmt, wie z. B. der
Hocker der Renaissance nur bestrebt ist starre
Repräsentation auszudrücken, wie er gleichgültig
gegen den Menschen den stützenden Pfosten des
Unterteils gleich einem prunkenden geschnitzten
Wappenschild vorstellt, wie er, in sich beruhend,
viel mehr Schaueffekt ohne den sitzenden Men-
schen hat als mit ihm, — und wie dann, als der
Komfort die Gesetze diktiert, die Glieder gefügiger

sich lösen und der Hocker zu einem weich von
den geschwungenen Beinen getragenen Tabouret
wird.

Doch solche Beobachtungen konnte man auch
schon früher in den Museumssammlungen machen.
An dieser Ausstellung erscheint viel wichtiger, dass
sie in grösserem Umfang, als es bisher offiziell ge-
schehen, das Sitzmobiliar, vor allem das bürger-
liche, vom Ende des achtzehnten und aus dem ersten
Drittel des neunzehnten Jahrhunderts heranzieht,
das Mobiliar, das beim Stuhlbau von den Bedingun-
gen des sitzenden Menschen ausging, und die De-
koration der Sachlichkeit unterordnete. Dadurch
wird ein lebendiger Zusammenhang mit den Stüh-
len unserer Tage demonstriert und fruchtbare Ver-
gleichsmöglichkeiten ergeben sich. Ueberhaupt
kommt daraus der grösste Reiz, dass man unter die-
sen Stühlen wandernd, die Ahnen heutiger Formen
entdeckt. Bei dieser Ahnenprobe ist besonders
interessant der Vorfahr unserer modernen Korb-
stühle. Er ist nicht im Original erhalten, nur ein
römisches Relief aus dem dritten Jahrhundert giebt
ihn wieder, A. G. Meyer hat ihn in seiner Publi-
kation abgebildet, in dieser Ausstellung aber sieht
man ihn leibhaftig wieder hergestellt Es ist viel-
leicht zweifelhaft, ob er wirklich wie diese Re-
konstruktion aus Weide geflochten war, viel mög-
licher erscheint es, dass sein Flechtwerk aus Metall
bestand. Aber in der Technik wäre das gleich.
In seiner Bauart zeigt dieser Stuhl jene Komfortzüge,

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