Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 3.1905

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EINE STUNDE IM MONDSCHEIN
AUF DER AKROPOLIS

EIN TAGEBUCHBLATT

VON

GUSTAV PAULI

OCH einmal kehrte unser Schiff
auf der Heimreise von Konstanti-
nopel nach Athen zurück. Im
I Ef Kalender war Vollmond verzeich-
net und der Akropolis zu Liebe
hatten wir uns einenhalbenTag der
Rast vergönnt, einen halben Tag und eine halbe
Nacht. Wieder empfing uns nach den ersten herbst-
lichen Eindrücken am Bosporus der volle milde Som-
mer. Wir atmeten wieder, als wir der Küste entgegen
ruderten, die würzige Luft Griechenlands, in der
der Hauch von Millionen kleiner unscheinbarer
Kräuter weht, und unsere Augen ruhten sich wieder
aus auf den so wenigen und so unendlich schön
gestimmten Farben der griechischen Landschaft —
Goldbraun, Lila und Blau. Es ist ein Dreiklang
der Nähe und Ferne, den ich nur hier gefunden habe.

Der Tag verging in einem weichen Dunst und
die Spätoktobernacht überfiel uns, warm und feucht,
wie nach einem Regentage im August daheim im
deutschen Norden. Der Mond verbarg sich hinter
vorüberhuschenden bräunlichen Schleiern. Die
Strassen auf dem Wege zur Akropolis waren dunkel,
feucht und unwirtlich. Die Fruchthändler standen
müssig hinter ihrem Karren und die Leute drängten
sich in den hellen Türen der Läden und Kaffeehäuser.
Endlich draussen vor der Stadt und allein! —

Vor mir steigt in grossem Umriss der Burg-
felsen auf. Das neblige Dämmerlicht zeigt doch das
Wesentliche der Form, das Knochengerüst und die
Muskeln des Bergs. Wie schön er ist! Ich kenne
keinen Berg, der schöner gewachsen wäre. Ueber
dem Dionysostheater glimmt wie ein Glühwurm
das bläuliche Lämpchen einer christlichen Kapelle.

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