Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 3.1905

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DIE NEUEN ERWERBUNGEN
DER NATIONALGALERIE

ER Gesamteindruck der
Arbeiten, die Herr von
Tschudi in diesem Jahre
seiner Kommission zum
Ankauf vorschlug, ist vor-
züglich : keine Werke,
durch die Anstoss erregt
werden konnte, Werke,
welche dennoch das künst-
efo%3«2 ?P3E5>Ui® ß^2 lerische Gehege nicht ver-
liessen. War dem Leiter der Galerie in der Kunst
unserer Tage das Wählen nicht durchweg ganz exklusiv
gestattet, so sind Frenzeis Tierbild, Konstantin
Starcks Skulptur eines Mädchens, das einen Krug
trägt, Vinnens verdienst- und geschmackvolles Bild
einer fast lebensgrossen Kuh neben einem Tümpel
— ob der Nähe zum Wasser und bei den Moll-
tönen, die durch das Bild ziehen, haben Spötter
dieses Werk als die Darstellung einer Kuh mit
Selbstmordgedanken bezeichnen wollen — durch-
aus anständige Leistungen. Und Gauls herrliche
Bronze eines grossen Löwen gehört selbst, obgleich
das Schwergewicht der neuen Erwerbungen sonst
zumeist in dem Teile liegt, der der älteren Kunst
gewidmet ist, zu den Erwerbungen von dem grössten
Werte für die Galerie. Diese Arbeit ist ohne Zweifel
sein bei weitem bedeutendstes bisheriges Werk.

Gerade in unserer vorigen Nummer hatte ich
Anlass genommen Gaul und Barye in Parallele zu
setzen. Verschiedene Anfragen aus dem Leserkreise

lassen mich nun erkennen, dass der zum Vergleich
Herangezogene bei uns eine nahezu unbekannte
Grösse ist. (Drolliger- und ungerechterweise scheint
der zahme — verständige — kunstgewerbliche Tier-
bildner Fremiet in Deutschland bekannter zu sein als
der grosse unsterbliche Barye!) Man muss, will man
das Verhältnis von Gaul und Barye zu einander
ein wenig berühren, sagen, dass Gaul einfacher
als Barye ist — stilisierter. Die Barye'schen Löwen
kommen in ihrer Force und Gedrungenheit von
Michelangelo her und bringen den Beweis, dass der
romantische, dramatische Bildner Barye ein Zeit-
genosse des Malers Delacroix war. Gaul hat in der
ewigen Stadt sich seine Eindrücke geholt. Man sagt,
Adolf Hildebrand habe ihn dort angeleitet. Er ist
aber dafür geboren gewesen, ein Bildhauer derClas-
sicität zu werden, und selbst, wenn Adolf Hilde-
brand nie seinen Weg gekreuzt hätte, so würde er —
schon allein in seiner Eigenschaft eines Deutschen —
aus Rom seine Konsequenzen gezogen haben,
freilich als ein Deutscher mit ganz eminentem
Formgefühl. Barye ist konvulsivisch und gesund,
Gaul gesund und beinah' klassisch. In diesem
Löwen der Nationalgalerie nimmt man mit unend-
lichem Vergnügen wahr, wie er ein Gewisses selbst
vom assyrischen Stil in sich aufgenommen hat und
ohne Mühsal mit seinem Wesen vermählte.

Die anderen Neu-Erwerbungen der National-
galerie fallen in das Gebiet der Kunst, die nun
schon historisch ist.

lli
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