Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 4.1906

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KARL MÜLLER, ERSCHAFFUNG DES WASSERS

ruhmwürdigen Verbände. Und nun veranstalteten
eben diese „Naturalisten" eine Ausstellung, deren
Stoff mehr denn je raumkünstlerische Gestaltung
erfordert. Josef Plecnik wäre auch der be-
rufene Architekt gewesen, sie mustergültig zu
schaffen. Er ist neben Olbrich und Hoffmann der
begabteste Wagner-Schüler, hat kürzlich das beste
moderne Haus in Wien gebaut und ist andrerseits
von einer südslavischen Inbrunst des religiösen Ge-
fühls durchglüht. Aber da ihm bisher eine wirk-
liche Kirche zu bauen nicht gegönnt war, ver-
schmähte er es, kirchliche Räume in falschem
Material, mit unechten Mitteln, zum Scheine zu
bilden. Er hielt den Ausstellungscharakter fest, er-
richtete nur als Abschluss des grossen Saales eine

Apsis, die er den Malern zur
Ausschmückung überwies.
Ihren Darstellungen, die auf
Korksteinplatten mit Mörtel-
verputz ausgeführt sind, liegt
als gemeinsamer Gedanke „die
Taufe" zugrunde. Die Kon-
cha hat Ferdinand Andri mit
der Dreifaltigkeit, mit Engeln
und den Aposteln Petrus und
Paulus machtvoll verziert; dar-
unter wurde Karl Ederers
wunderschönes Glasfenster ein-
gesetzt und davor ein grün
marmornes Taufbecken mit
einem vergoldeten Johannes
gestellt: ein dekorativer Klang
von entzückender Wirkung.
In würdiger architektonischer
Umrahmung reihen sich rechts
und links je drei Bilder aus
dem alten und neuen Testa-
ment an: die „Erschaffung des
Wassers" von Karl Müller,
die . „Erbsünde" von Pater
Wilibrord, der „Durchgang
durch das rote Meer" von
Rudolf Jettmar, die „Taufe
des Aethiopiers" von Maxi-
milian Lenz, der „Kindermord"
von Josef Engelhart, „der
gute Schacher" von Friedrich
König. Ist auch Einzelnes nicht
immer geglückt — unter den
Bildern erscheinen neben An-
dris Koncha Müllers und Jett-
mars Arbeiten als die besten — ist dennoch das
Ganze als eine erstmals versuchte moderne Aus-
gestaltung einer Kirchenwand wertvoll und ent-
wicklungsgeschichtlich vielleicht nicht ohne Be-
deutung.

Gegenüber der Apsis wurden vier Kartons an-
gebracht, die der Krakauer Josef v. Mehoffer
für die Fenster der Kathedrale zu Freiburg in der
Schweiz entworfen hat. Diese Glasfenster, wohl
die schönsten moderner Kunstübung bei uns, stellen
alles was der gepriesene Melchior Lechter machte, in
trüben Schatten. Leider geht es nicht an, sie in der
Reproduktion zu zeigen; sie hätten ihr Grösstes dabei
verloren, die berauschende Rhythmik der Farbe.

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