Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 6.1908

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die erste deutsche Oper in Hamburg gebaut und
hatte dadurch seine Vaterstadt zur ersten Theater-
stadt Deutschlands gemacht. Johann Michael Speck-
ter, der bei dem grossen Erbauer der Michaelis-
kirche, Sonnin Unterricht genossen hatte, mit
Alexander von Humboldt, Ernst Moritz Arndt und
manchen anderen bedeutenden Männern befreundet
war, konnte sich, da sein Geschäft durch seinen
Kompagnon gut geleitet wurde, ganz seinen Lieb-
habereien widmen. Ausser der Literatur, aus deren
ihm liebsten Werken er sich eine gewählte Biblio-
thek zusammenstellte, galt sein Interesse hauptsäch-
lich der bildenden Kunst. Wie Goethes Vater,
sammelte er leidenschaftlich und mit bedeutendem
Verständnis Äusserungen der graphischen Künste.
Sein Reichtum an Kupferstichen und Radierungen
war berühmt und bildete später den Grundstock
zur umfangreichen Sammlung des Kupferstich-
kabinets der Hamburger Kunsthalle, i 8 i 8 grün-
dete Speckter mit seinem Freunde, dem Maler
Herterich, die erste lithographische Anstalt in Ham-
burg, so dass es nun den nord- und mitteldeutschen
Künstlern ermöglicht war, ihre Steinzeichnungen
anstatt nach dem fernen München, wie bisher,
ins nähere Hamburg zu senden. Die Hauptaufgabe
des Geschäfts aber lag in der Anfertigung und Ver-
vielfältigung von Porträts. Zu dem Kreise um
Speckter gehörte auch der geistvolle und fein-
sinnige Freiherr von Rumohr. Dieser war ein hol-
steinischer Gutsbesitzer, den sein Vermögen instand
setzte, seinen Kunstliebhabereien zu leben. Er war
der geeignete Mann, um grosse Traditionen leben-
dig zu erhalten, und eigenartig genug, um den
allgemeinen Ansichten seiner Zeit seine eigene ent-
gegen zu setzen. Nach einer Reise in Italien lernte
er die jungen Speckter, Erwin und Otto kennen, und
gern Hessen die beiden Knaben von dem älteren be-
deutenden Manne ihre Sinne zu naivem und denn-
noch nicht gedankenlosem Aufschauen erziehen.

Hamburg konnte als kunstarm gewordene Stadt
einem erwachenden Talente so lange nicht schaden,
als die nach einfachen Formen begehrende Phantasie
des jungen Künstlers dieseFormenin der ihm nächsten
Natur fand, und die Naturliebhaberei unbewusst
auch das Bild zur selbständigen Natur schuf. So-
bald sich aber der Schaffensvorgang komplizierte,
und entweder die Forderungen des Materials oder
des Stoffes zu mächtig wurden, wiesen den ver-
wirrt die Lösung Suchenden die vorhandenen
Kunstwerke rätselhafte oder falsche Wege. Jedes
fremde Werk, das in die Leere schneite, verneinte

oder bestätigte sehr zum Unheil die sich zufällig
gebildete Ästhetik. Man sieht in den früheren
Werken fast aller jungen Künstler eine Reinheit der
Empfindung für das Material, die meistens später
wieder verloren geht. Erwins Porträts der frühen
Zeit sind innerhalb einer dem jungen Künstler gar-
nicht bewussten Konvention nichts weniger als
konventionelle Werke geworden. Die freie Hal-
tung und die Innerlichkeit der Empfindung bilden
einen kräftigen Gegensatz zu der Unpersönlichkeit
der gleichzeitigen Werke der Aldenrath und Gröger.
Die komplizierten Stellen des Bildes bezeichnen Er-
wins kompliziertere Interessen, die Gesicht und
Hände zu Brennpunkten der Fläche machen. Die
Ästhetik ist noch nicht bewusst und die Naturliebe
noch nicht zur Zwangsvorstellung geworden, die
den Künstler sich mit der Natur vergehen lässt,
also zum Naturalismus treibt. Hier sind auch seine
Porträtlithographien zu erwähnen, die die Vorzüge
seiner Olbildnisse in gleich hohem Masse besitzen.
Rumohr erkannte die Wichtigkeit des Anschlusses
an alte Kunst, und er trieb die jungen Künstler die
Denkmäler alter Kultur, die sich in der Umgegend
darboten, zu studieren und zu zeichnen. Mit Be-
geisterung nahmen Erwin und Otto diese Ideen auf.
Sie durchreisten Holstein und Schleswig und
entdeckten sich Schönheiten mittelalterlicher Kunst.
Grossen Eindruck machte auf sie der Brüggemann-
sche Altar in Schleswig und das durch Rumohr
wieder ans Licht gezogene Bild von Meinung in
Lübeck. Erwin zeichnete, überwältigt von dem
ersten Eindruck, den fremde Kunst auf ihn machte,
Einzelheiten dieses Werkes. Später verwirklichten
die beiden Brüder den Wunsch Rumohrs und ver-
vielfältigten ihre Studien nach diesem alten
Meisterwerk in Lithographie.

182-). traf Overbecks „Einzug in Jerusalem" in
Lübeck ein und wurde von Erwin und Otto mit
freudigei Erregung begrüsst, namentlich auf Ph-win
machte das Bild einen so grossen Eindruck, dass er
es auf dem Steine wiederholte. So tritt ihm jetzt
schon eine im höchsten Masse erstarrte, chinesisch
gewordene Kunst entgegen, die wieder einmal die
Fläche zu ihrem Rechte kommen lassen wollte,
aber in ihrer Stilstrenge das Edelste des Stoffes, seine
Bildsamkeit verleugnete. In seinem folgenden Bilde
versuchte Erwin diesen verlockenden Gedanken zu
verarbeiten. Es entstand das Familienbild; trotz ge-
waltsamen Wechsels des Mittels gelang es ihm, seine
eigenartige Anschauung zu bewahren. Die Köpfe
auf der Tafel zeigen eine zeichnerische Feinheit, die

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