Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 10.1912

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abzuwerfen vermag, wenigstens ein Mittel zu sachlichem
Fortschritt, zum künstlerischen Durchsetzen, zur Be-
lebung des Laieninteresses machte.

Paul Durand-Ruel hat den Typus des „amateur-
marchand", der vorher unbekannt war, in sich bis zur
Vollendung entwickelt. Er hat nie etwas anderes ge-
kauft, verkauft und empfohlen, als was er selber liebte;
nur das, wozu er persönlich ein künstlerisches Verhält-
nis pflegte, hielt er gerade für gut genug, es dem Publi-
kum zu bieten. Auf diese Art schuf er das „Geschäft"
zur Kunst um. Hätte er sich nur um verkäufliche Ware
bemüht, in hübschem Bazar gefällige Dinge feilgeboten,
— ja, hätte er auch nur um die Wende der siebziger
Jahre, da für die Moderne von 1830 eine Zeit der
Eroberungen anzubrechen schien, sich auf die Meister
von Barbizon, auf Delacroix und vielleicht noch auf
Courbet und auf das gelegentliche Interesse für Alt-
niederland oder Spanien (Rembrandt, Goya, Greco) be-
schränkt: so wäre er schon zeitig ein reicher Mann ge-
worden. Doch der Imperativ des Künstlergewissens
war in ihm zu stark: es war ihm nicht gegeben, in Kunst-
fragen von Wertschätzung oder Missachtung um Hand-
breite abzugehen oder auf zeitlichen Erfolgen auszu-
ruhen und die Früchte seiner früheren Thätigkeit Manet
und der neuen Generation vorzuenthalten, die auf
Fontainebleau gefolgt war, und die zu unterstützen ihm
Pflicht erschien. Das Glücksgefühl wäre zu teuer er-
kauft gewesen. Er hat damals keinen Augenblick ge-
schwankt: „Ich durfte", schrieb er mir einmal, „so hoch
in die Jahre kommen, dass ich neben dem Erfolg der
Schule von 1830 auch noch die Wirkungen der Jungen',
die man aus Hohn und Spott ,Impressionisten' nannte,
sehen konnte. Das ist mein Lohn."

Durand-Ruel verkaufte nur, was er liebte; und was
er liebte, das hat sehr lange den Leuten gar nicht ge-
fallen wollen. Wenn es ihnen aber dann eines Tages
gefiel, so fingen sie auch an, den stillen Mann zu be-
wundern, der seine „Liebhabereien" mit so ruhiger
Hartnäckigkeit verteidigte, als könnte es gar nicht anders
sein. Aus der Bewunderung wurde Zuversicht. Kein
Kunsthändler und Kunstexpert Frankreichs geniesst
heut ein so unerschütterliches Vertrauen wie Paul Du-
rand-Ruel. Sein tiefes Verhältnis zur Kunst drückte sich
auch noch in anderer Weise aus: die Gegenstände seiner
Liebe waren für ihn, den Kaufmann, nur ein flüchtiges
Geschenk; Meisterwerke kamen in seine Hand und
gingen durch seine Hand. So entschloss er sich schon
früh, seiner Kunstleidenschaft eine Freistatt zu schaffen,
die von den Stürmen des Marktes durchaus verschont
bleiben sollte: der Händler wurde selber Sammler und
gründete eine Privatgalerie (Rue de Rome 35—37), die
zu den wichtigsten der Welt gehört. Diese Sammlung,
die alle französischen Malertypen des neunzehnten Jahr-
hunderts in ihrer höchsten Vollendung enthält, ist ein
dauerndes Symbol seiner Lebensarbeit.

Ich kenne pere Durand-Ruel seit zweiundzwanzig

Jahren; viel Gutes habe ich von seinem Kunstgeschmack
und seiner Sitten Freundlichkeit erfahren; er ging zu
Beginn der neunziger Jahre auf meine Anregung willig
ein, mit geschlossenen Sammlungen Manets und des
Impressionismus nach Berlin zu kommen; diese leckeren
Eliteausstellungen fanden im „Kaiserhof" statt; es waren
die ersten dieser Art. (München hatte statt der Schöpfer
immer nur die gefälligen Epigonen vorgestellt, Besnard
statt Degas und Renoir, Cazin, Billote und Jettel statt
Monet, Pissarro und Sisley, von Cezanne gar nicht zu
reden.) So setzte auch in Deutschland, dank Durand-
Ruel, eine frischere Vorwärtsbewegung ein.

Ich habe manchen Blick gethan in die Geschichte
dieses Lebens und in das Archiv des Hauses Durand-
Ruel und will ein weniges davon berichten. Paul Du-
rand-Ruel hat von seinen Ahnen kein schlechtes Pfund
geerbt. Sein Vater betrieb ursprünglich ein Luxuspapier-
geschäft in der Rue St. Jacques; von den Künsten an-
geweht, legte er sich allmählich einen bescheidenen Stock
von Ölbildern, Aquarellen, Lithographien zu und han-
delte nebenher mit Malerutensilien. Der Jakobinergeist
der Davidschule stand damals gegen den romantischen
Realismus eines jüngeren Geschlechts, das von Prud'hon,
Gros, Gcricault und Delacroix vertreten wurde und in
der Landschaftsmalerei von England her wesentlich be-
einflusst war. Schon dem alten Durand (Ruel hiess das
Livorner Fräulein, das er 1829 heiratete) lag der Revo-
lutionär im Blute; er kaufte die ersten Sachen von Bon-
nington und Constable und trat zu Delacroix und Geri-
cault, zu der Schule von Barbizon und später zu Dau-
mier und Courbet in Beziehungen. 183z zog er mit
seinen Malereien ins elegantere Zentrum; hier begann
die erste Epoche des Hauses. Indessen, der Alte war
mehr Künstler als Kaufmann und war deshalb zunächst
gar nicht auf Rosen gebettet. Des Knaben Paul Jugend-
eindrücke im Laden der Rue des Petits-Champs, wo die
grössten Maler der Zeit ein- und ausgingen, waren un-
vergleichlich. Der Bursche nahm das mit, doch sein
Herz hing an einem anderen Beruf: er wollte Offizier
werden. Er tritt in St. Cyr ein, wird krank und muss
dem Soldatentraum entsagen. Der Vater will ihn im
Geschäft haben. Der junge Paul bereitet sich auch für
die neue Karriere sorgsam vor, gelangt unter Millets,
Rousseaus und Corots persönlichen Einfluss und wird
Delacroix-„Fanatiker". Er war mit seinem Schicksal
schon völlig ausgesöhnt, als der Vater (1856) mit seinen
Bilderschätzen in die Rue de la Paix, ins hellste Licht
des Pariser Tages, zog: die bescheidenen Anfänge waren
überwunden. 1862 wird der Neunundzwanzigjährige
Chef der Firma . . .

Der illustrierte Katalog des Hauses, den er seit
1873 erscheinen Hess, war der Schule von Fontainebleau
zugesprochen: ihre schönsten Werke waren wieder-
gegeben, all die Herrlichkeiten, die Durand-Ruel in
die Welt geführt hatte. Aber unter diese Blätter
waren hier und dort Radierungen nach Manet, Monet,



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