Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 10.1912

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Programm etwa wie dem Caravaggios kann hier
wohl nicht die Rede sein. ImGegenteilspielen antike
Mythen und antikisierende Allegorien eine grosse
Rolle in Tiepolos Werken und auch dem antiken
Kostüm und Beiwerk geht er so wenig wie die
Franzosen absichtlich aus dem Wege. Aber in der
künstlerischen Form scheint der Einfluss der An-
tike endgültig überwunden, alle antiken Elemente
sozusagen aus dem formalen Sprachschatze ihrer
Kunst ausgeschieden zu sein.

Vor allem befreit sich die Komposition von
der die Gruppen umschreibenden, sie bindenden,
festen und kontinuierlichen Linie. Die Massen der
Gestalten sind nicht wie in der klassischen Kunst
zu architektonisch gegliederten Gebilden zusam-
mengefügt, sondern hier eng zusammengedrängt,
dort auseinandergerissen, wohin sie Zufall und Be-
wegung führte, durch die weiten Räume weithin
zerstreut, so dass Licht und Luft zwischen ihnen
fluten. Das Seicento hatte hierin kräftig vorgear-
beitet, aber die letzte Konsequenz dieser schon von
Correggio proklamierten Freiheit der Komposition
hat erst Tiepolo gezogen. Auch wo er in seinen
Altargemälden eine gewisse Symmetrie des Auf-
baues nicht vermeiden kann, verfährt er mit der
grössten Freiheit und komponiert wesentlich mehr
durch Licht und Schatten als mit Formenmassen.
Tiepolos Kunst ist der denkbar stärkste Gegensatz
zum statuarischen Prinzip, das jede klassizistische
Kunstrichtung als ein wesentliches Element aus der
Antike abgeleitet hat. Grell vom wirklichen Tages-
lichte beleuchtete Gruppen neben tief beschatteten
Gestalten; stärkste Bewegtheit des Lichtes und der
Formen; alles wundervoll plastisch gebildet, aber
durchaus unskulptorisch gedacht. Tiepolo ist ab-
solut Maler, wie alle Venezianer; das malerische
Erfordernis bestimmt alles. Eine grosse Bedeutung
hat in Tiepolos Kunst auch das Theatralische; die
Gruppenbildung scheint nicht selten von Wirkungen
der Theaterbühne abhängig zu sein.

Es war nur folgerichtig, dass die bewunderten
Werke des Meisters, der im Siegeszuge durch halb
Europa getragen worden war, den herbsten Tadel
über sich ergehen lassen mussten, gerade so wie
die heiteren, galanten Schöpfungen seiner französi-
schen Gesinnungsgenossen in der Kunst, sobald
der Kunstgeschmack nach kurzer Freiheit sich wie-
der unter den mächtigen Zwang der Antike beugte.
Seine Schätzung ist stets von der Stellung des
Publikums und der Künstler zum Klassizismus ab-
hängig geblieben.

Die bewundernde Freude an der staunenswert
reichen und leichten Schaffenskraft, an der maleri-
schen Potenz, das Entzücken über die Farbenpracht,
über die Fülle von Glanz und Sonnenlicht, die aus sei-
nen Werken dem Beschauer entgegenstrahlt, erklären
aber noch nicht zur Genüge die Wirkung der
Fresken Tiepolos. Ihr Reiz besteht nicht zum we-
nigsten auch in der Verbindung der vollen Realität
der einzelnen Erscheinungen und Dinge mit der
poesievollen, märchenhaften Unwirklichkeit der
Konzeption des ganzen Bildes. Nur wenige be-
kleidete Gestalten, die nicht in der vollen Anschau-
lichkeit des gewöhnlichen Lebens auftreten; das
konventionelle Idealkostüm, das seit Rafaels Tagen
für Heilige und Götter unumgänglich schien, ist
beinahe auf die Gestalt der Madonna beschränkt,
auch hier mit aller Finesse stofflicher Realität
wiedergegeben. Selbst die Heiligen sind oft in die
Modetracht der Zeit gekleidet. Tiepolo scheut sich
nicht, seine venezianischen Patrizier, wie sie stehen
und gehen, in der ganzen Pracht ihrer Feiertags-
kleidung in die Wolken zu führen, nicht nur vor
die Madonna und die Heiligen, sondern auch unter
die antiken Götter und Gottheiten, die seine Him-
mel bevölkern. Unbefangenste Realität der ein-
zelnen Gestalten, der Köpfe, des Nackten, der
prächtigen Tiere, die sich zwischen die Menschen
drängen, aller Gegenstände, die sie umgeben, lässt
dem erregten Beschauer die phantastischsten, un-
wahrscheinlichsten Vorgänge seiner Allegorien
glaubhaft erscheinen, täuscht ihn über alle Unmög-
lichkeiten der Bildarchitektonik hinweg. Die
zahlreichen, meist gross an bemerkbarsten Stellen
angebrachten Füllfiguren von Pagen, Cavalieren,
Zwergen, von Tieren und Gegenständen aller Art
dienen,ebenso wieviele andere harmlose malerische
Kunstgriffe, diesem Zwecke eindringlicher Veran-
schaulichung. Dies Hineinziehen greifbarer Wirk-
lichkeiten des gewöhnlichen Lebens in die Kreise
des Überirdischen bedeutet zugleich ein Empor-
heben des Realen über den Eindruck des Gewöhn-
lichen. Rembrandt — und freilich viel äusserlicher
— auch ein italienischer Vorläufer Tiepolos, der
Genuese Giovan Benedetto Castiglione, suchten so
wirklichkeitsgetreu dargestellte Vorgänge durch
geheimnisvoll wirkendeBeleuchtung, durch exotisch
anmutende Umgebung, durch orientalisches Ge-
pränge aus dem vertrauten Kreise des Beschauers
wieder in ferne, fremde Sphären zu entrücken, sie
mit dem poetischen Zauber des Unbekannten zu
umgeben.

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