Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 11.1913

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Aber doch ziemlich gereizt, liess er eine ganze
Weile verstreichen, bis er Coutures Wohnung wie-
der betrat; erst als er seinen „Absynthtrinker" fertig
hatte, besuchte er ihn und forderte ihn auf, sich
das Bild anzusehen.

Couture kam in die Rue Lavoisier, und nach-
dem er eine Zeitlang den „Absynthtrinker" betrach-
tet hatte, sagte er zu Manet:

„Lieber Freund, hier gibts nur einen Absynth-
trinker, und das ist der Maler, der einen solchen
Blödsinn zustande bringen konnte."

Das war das letzte Mal, dass sich die beiden
Männer gegenüberstanden. Manet hatte ein Ge-
fühl der Erleichterung. Diese plumpe Verständnis-
losigkeit, anstatt ihn zu ärgern, hatte ihn aufrichtig
erheitert. „Gut," sagte er, „ich war so thüricht, ihm
hin und wieder Konzessionen zu machen. Wenn
ich ein Bild anfing, habe ich dummerweise die
Formeln im Auge behalten. Damit hat's nun ein
Ende. Er hat wohl daran gethan, so mit mir zu
sprechen. Das hat mich wieder auf die Beine ge-
bracht." Der „Absynthtrinker", den er auf den
Salon von 1860 schickte, wurde zurückgewiesen;
wir sassen bei ihm im Atelier mit Baudelaire zu-
sammen, als die offizielle Nachricht kam. „Drei
Tage weiss ichs schon," rief Manet, „ich wollte es
euch nur nicht sagen. Ah, er ist an meiner Zurück-
weisung schuld. Schöne Dinge muss er da vor den
Bonzen seines Gelichters gegen mich ausgesagt haben.
Aber eines tröstet mich: dass Delacroix es gut
findet. Denn das ist mir ganz fest versichert wor-
den, Delacroix hat es gut gefunden. Der ist ein
anderer Kerl als Couture. Mir ist zwar seine
Manier nicht sympathisch, aber er ist doch ein
Mann, der weiss, was er will, und der es auch offen
ausspricht, das ist schon was wert."

Ich versuchte Manet zu beruhigen.

„Man muss doch gerecht sein," sagte ich ihm.
„Couture ist bestimmt nicht an der Refüsierung
deines Bildes schuld, aus dem einfachen Grunde,
weil er nicht zu der Jury gehörte, die es zurück-
gewiesen hat. Gewiss, Delacroix hat wieder einmal
gezeigt, dass er hoch über den Kleinlichkeiten seiner
Zeitgenossen steht. Delacroix liegen überhaupt —
wie ich es dir schon immer gesagt habe — jene dum-
men Gehässigkeiten fern, die man ihm nachsagt.
Es ist nicht wahr, dass er Ingres verabscheut und
Courbet ableugnet. Ingres mag ja sehr abweisend
sein, aber das ist auch verzeihlich, ja man kann es
sogar komisch finden, wenn dieser Moderne gegen
die Modernen wettert. Und wenn Courbet vor den

„Engeln" von Delacroix durch eine sonderbare Be-
merkung den „Maler des Blutbades von Chios" so
schwer gekränkt hat, nämlich als er mit seinem
bäuerischen, hochburgundischen Akzent sagte, ,dass
er noch nie Menschen mit Flügeln gesehen hätte,'
so wissen wir eben, was wir von der Gutmütigkeit
dieses Meisters zu halten haben, der zwar lauter
Meisterwerke geschaffen, der aber stets den Fehler
gemacht hat, wie du es gerade vorher selbst sagtest,
zu schwarz zu arbeiten. Jedenfalls hat Delacroix ge-
zeigt, dass er gescheit ist und Geist und einen klaren
Blick hat, als er sich so anerkennend über Dich
aussprach. Und dann ist er, im Grunde genommen,
bescheiden. Erinnerst du dich noch, was uns der
alte Barye von Delacroix erzählte? Als sie zusammen
im Jardin des Plantes nach einer Pantherkatze
arbeiteten, fragte ihn Delacroix: ,WTie geht es nur
zu, Barye, der Schwanz von Ihrer Pantherkatze
bewegt sich, bei mir ist er wie ein Stück Holz:'
Worauf ihm Barye antwortete: ,Das kommt daher,
dass ich das Tier mache, wie ich es sehe, während Sie
es machen, wie Sie es sich denken/ Delacroix sah
ein, dass Barye den Nagel auf den Kopf getroffen
hatte. Ingres und Courbet hätten sich hundert
Mal irren können: nie hätten sie mit solcher Ehr-
lichkeit ihren Irrtum eingestanden. Ich frage mich
übrigens immer wieder, warum du so erpicht
daraufbist, Couture zu gefallen? Ihr habt einander
immer ehrlich verabscheut, und eigentlich bist
du niemals sein Schüler gewesen, ebensowenig,
wie er jemals der Schüler von Gros war."

„Was Du da sagst, ist wahr, denn es ist wirklich
merkwürdig, dass Couture bei Gros gearbeitet
hat, und dass gerade Delacroix, der nie das Atelier
von Gros betrat, ihn fortzusetzen scheint."

„Genau wie Gericault, der voller Verachtung
vor den Pferden von Gros im Pantheon das nicht
gerade tiefe Wortspiel wagte: ,das ist ja ganz gut'
— mais c'est plus gros que nature!"

„Und Gott weiss wieviel er Gros abgesehen
hat."

„Woraus zu schliessen ist," sagte Baudelaire,
„dass jeder ganz er selbst sein muss."

„Das habe ich dir ja immer gesagt, mein lieber
Baudelaire," erwiderte Manet, „oder bin ich viel-
leicht im „Absynthtrinker" nicht ich selbst?"

„So, so, la, la!" sagte Baudelaire.

„Nun, was sagt man dazu? Jetzt fängt auch
Baudelaire an, mich zu verlästern! Da bleibt mir
also niemand---------!"

Fortsetzung folgt

*b

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