Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 11.1913

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DIE ENTWICKLUNGSPHASEN

DES DEUTSCHEN STÄDTEBAUS

VON

ALFRED LICHTWARCK

Ausgewäl

Ab-

von Rottm«er
A_ Als Man»'

edHel-

ie Grundrisse der modernen
Städte unterscheiden sich von
Hl den mittelalterlichen dadurch,
dass die Anlage der Plätze und
die Anlage und Führung der
Strassen aus dem Bedürfnis des
heutigen städtischen Lebens
nicht in allen Punkten verständ-
lich sind. Will man die Wege verstehen, die dazu
geführt haben, Platzanlagen zu schaffen, wie den
verkehrshindernden und lebensgefährlichen Pots-
damer Platz in Berlin, oder Ufergestaltungen wie
den Jungfernstieg in Hamburg, so bleibt kein an-
deres Mittel, als eine Beobachtung der geschicht-
lichen Entwicklung der Stadtpläne im heutigen
Europa.

Die modernen Stadtanlagen gehen auf deut-
schem Boden — soweit sie nicht an Römerstädte
anknüpfen — nicht weiter als ins Mittelalter zu-
rück. Die Mehrzahl der deutschen Städte nimmt
in ihren jetzigen Formen ihren Ursprung im zwölften,
dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert. Wir
kennen den Weg der Zusammenhänge noch nicht

genau genug, aber soviel steht heute schon fest,
dass der Normalgrundriss im Zeitalter der deutschen
Städtegründungen auf den Städtebau der alten Welt
zurückgeht. Über diesen Städtebau der Alten sind
wir literarisch unterrichtet, und die Ausgrabungen
und Forschungen der letzten Jahrzehnte haben uns
mit einer Anzahl noch erkennbarer antiker Stadt-
anlagen bekannt gemacht. Das Ergebnis dieser
Sachforschung deckt sich mit dem, was wir aus der
Literatur schon wussten. Es gab im Altertum eine
Praxis und eine Theorie der Stadtbaukunst, denn
Neugründungen von Städten gehören auch im
Altertum zu den alltäglichen Vorkommnissen. Die
Theorie der Alten beschäftigt sich nicht eigentlich
mit der künstlerischen Frage, die von uns heute
leicht überschätzt wird. Für die Alten war die
Anlage einer Stadt eine Angelegenheit wesent-
lich praktischer Natur. Die Vorschriften ihrer
Städtebautheorie weisen ausdrücklich zum Beispiel
auf das Studium der Windrichtungen und ver-
langen, dass bei dem Entwürfe eines Stadtplans zu-
nächst in Erfahrung gebracht wird, welches die
beiden häufigsten Winde der Gegend sind. Die

El#'

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