Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 11.1913

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Strassen sollen so geführt sein, dass ihre Haupt-
richtung der Linie folgt, die den Winkel dieser
beiden Winde halbiert. Damit ist der schädliche
Einfluss der Winde in den Strassen im wesentlichen
gebrochen. Ebenso wird auf die Beobachtung der
Sonnen- und Lichtverhältnisse hingewiesen.

Wie weit diese feineren Erfahrungen ihren
Weg in die Köpfe der Städtebauer des deutschen
Mittelalters gefunden haben, wissen wir nicht. Wir
können nur feststellen, dass der eine Normalplan,
der dem Kern von München und Lübeck, von
Neubrandenburg und Breslau zugrunde liegt, sich
im wesentlichen mit den Vorstellungen vom Städte-
bau, die wir aus der antiken Welt kennen, deckt.
An diesem Normalplan des deutschen Mittelalters,
der mit am sinnfälligsten in Neubrandenburg er-
halten blieb, lässt sich beobachten, wie mit einer
instinktiven und sicheren Anpassung an die Ört-
lichkeit, wovon der Stadtplan von Lübeck ein glän-
zendes Beispiel ist, sich gewisse durchgehende Züge
verbinden. Man unterscheidet zwischen Hauptver-
kehrsstrassen von Tor zu Tor und schmäleren Ne-
benstrassen bis zu ganz schmalen Verbindungswegen
durch die Häuserblöcke. Es kommt vor, dass eine
mittelalterliche Grossstadt, wie Lübeck, nur eine
Verbindungsstrasse von Tor zu Tor besitzt und auch
als moderne Grossstadt noch mit diesem einen
Hauptverkehrsweg auskommt, ein lehrreiches Vor-
bild für die Richtung des modernen Städtebaus,
die jeder Strasse die Breite eines Hauptverkehrs-
weges geben möchte. Diese alten Verkehrsstrassen
werden in derNähe der Tore schlauchartig erweitert,
um den einfahrenden Wagen Raum zur Aufstellung
zu bieten. Freie Plätze, die nicht einem wirklichen
Bedürfnis dienen, werden in der Regel nicht ange-
legt. In der ursprünglichen Anlage haben diese
mittelalterlichen Städte durchweg nur einen ein-
zigen Markt, der für den Marktverkehr und als
politischer Versammlungsort dient. Bei der späteren
Entwicklung differenzieren sich diese Märkte, wie
wir es in Hamburg am Schweinemarkt, Pferde-
markt, Gänsemarkt schon aus dem Namen erraten
können. Was man heute Verkehrsplätze nennt,
gab es in den mittelalterlichen Städten nicht. Im
Prinzip sind diese mittelalterlichen Städte, genau
wie die heutigen amerikanischen, aus einem quadra-
tischen Blocksystem zusammengefügt. Dass die
Strassenbilder in der Regel nicht mathematisch und
streng wirken, hat seine Ursache in der Anpassung
an die Bewegung des Geländes und in einer nicht
mathematisch scharfen Ausmessung. Die Folge ist,

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dass die Strassen- und Platzwände vielfach x
krümmt und geschwungen sind. Für alles, was
diese mittelalterliche Stadt an besonderen Erschei-
nungen bietet, lassen sich die Ursachen in dem an-
gewandten Normalplan, in seiner Anpassung an das
Gelände und in besonderen örtlichen Bedürfnissen

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nachweisen.

Die Herrschaft dieser Gesetze reichte bis zum
Schlüsse der rein bürgerlichen Entwicklung der
deutschen Städte. Als das deutsche Bürgertum im
sechzehnten Jahrhundert erlahmte, fiel dem Fürsten-
tum wiederum die Führung der Geschicke zu. Auch
der Städtebau in Deutschland war zur Zeit der
höchsten Erstarkung der territorialen Fürstenmacht
im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert eine
Angelegenheit der Fürsten. Die Fürsten waren im
Mittelalter fast überall aus den alten Stammhaupt-
städten verdrängt und residierten in kleinen Land-
städten, deren Bürgermacht nicht gegen die Macht
der Fürsten aufkommen konnte. Diese kleineren
Städte wurden im siebzehnten und achtzehnten
Jahrhundert durch die Fürsten zu neuen Kultur-
zentren gemacht. Sie wurden durch neue Quartiere
vergrössert, unter Umständen wurden Residenz-
städte auch ganz neu angelegt. Woher nahmen
nun die Fürsten die Ideen und Gesetze für die An-
lage neuer Stadtquartiere oder neuer Residenz-
städte?

Nicht ausschliesslich oder auch nur vorwiegend
aus den Gesetzen, nach denen die mittelalterlichen
Städte gebaut waren, auch nicht aus dem prakti-
schen Bedürfnis der Bewohner, denn diese neuen
Stadtbewohner waren eine ganz unselbständige
Bevölkerungsschicht, mehr Figuranten als wirkliche
Einwohner, und unter Umständen noch gar nicht
vorhanden, wenn die Stadtpläne schon fertig waren.
Die neue Form dieser deutschen Residenzstädte,
alles das, was sie von der Anlage der mittel-
alterlichen Städte unterscheidet, stammt aus einer
und derselben Quelle: das ist der architektonische
Garten. Das glänzendste Beispiel dieser architekto-
nischen Gärten ist bekanntlich der Park von Ver-
sailles. In diesem Park finden sich bereits alle
Formen vor, die in der Folgezeit auf den städtischen
Grundriss übertragen wurden.

Während die mittelalterlichen Städte den Platz
als Markt mit geschlossenen Wänden zugfrei und
staubfrei nötig hatten, konnten in den schwach
bevölkerten Residenzstädten Plätze angelegt werden,
die keinem Marktbetriebe oder politischen Ver-
sammlungsbedürfnissen dienten, sondern wie im

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