Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 11.1913

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weil ich das Modell nicht mehr zu sehen bekomme.
Denn noch bei jeder Arbeit war ich in Sorge, ob ich
auch regelmässige Sitzungen erlangen werde. Wenn
ich etwas anfange, zittere ich bei dem Gedanken,
das Modell möchte mir ausbleiben, ich könnte es
nicht so oft wiedersehen, wie ich es brauche, oder
nicht ganz so, wie ich es möchte. Man kommt, man
sitzt mir, dann geht man fort und sagt sich: jetzt wird
er es schon allein fertig bringen. Aber nein, das ist
ja gerade der Fehler, man macht allein nichts fertig,
schon aus dem Grunde, weil man es nur an dem
Tage fertig macht, wo man anfängt, aber dann
muss man wieder so und so oft von vorne anfangen,
und dann braucht man viele, viele Arbeitstage. Ach,
aber dafür giebt's dann auch welche, die wieder-
kommen, wenn ich sie nicht brauche, die von mir
verlangen, dass ich Änderungen mache, was ich
aber stets ablehne. Da ist zum Beispiel das Porträt
des Dichters Moore. In einer Sitzung war es für
mich fertig, aber nicht für ihn. Er ist wiederge-
kommen und hat zu meinem Ärger hier eine
Änderung, dort eine Milderung verlangt. Aber ich
verändere nichts an seinem Porträt. Ist's vielleicht
meine Schuld, dass Moore wie zerlaufenes Ei-
gelb aussieht, und dass seine Visage nichts Einheit-
liches hat? Was übrigens bei uns allen zutrifft, und
diese Sucht nach Symmetrie ist das Übel unserer
Zeit, denn in der Natur giebt es keine Symmetrie.
Ein Auge passt niemals genau zum anderen, stets
sind sie verschieden. Jeder von uns hat eine mehr
oder weniger schiefe Nase und einen unregel-
mässigen Mund. Aber versucht das mal einem
Geometer klar zu machen. Cabaner, der Kompo-
nist, ja, das war das Modell der Modelle."

„Sie haben ihn gekannt?" fragte Arsene Hous-
saye. „Ob ich ihn gekannt habe? Er war der über-
raschendste, wunderlichste Mensch, der mir je vor-
gekommen ist, und übrigens sehr talentvoll. Seine
Pate-Symphonie! Die ist so schön wie das Bild
eines Primitiven. Er hat sie während der Belage-
rung von Paris in einem kleinen Entresol kompo-
niert, in welchem er die ganze Zeit über wie ein
Einsiedler lebte. Es war ihm gelungen, einen Flügel
hinein zu schaffen, den er sich für die bescheidene
Erbschaft seines Vaters gekauft hatte, der, wie er
sagte, von kleiner Statur wie Napoleon I., aber
weniger fett war. Erst nachdem er sie beendigt
hatte, ging er aus, und als er den Lärm hörte, den
die Bombardierung von Paris verursachte, rief er:
„Was ist denn das für ein Getöse?" „Das sind die
Deutschen, die Paris bombardieren," sagte ihm

jemand. „Ach, ich dachte, es seien andere

Völker."

„Ja," meinte Arsene Houssaye, „er war immer
ein wenig verrückt."

„Verrückt, meinetwegen, aber ich lasse nichts
auf die Verrückten kommen; ich habe sogar eine
Vorliebe für sie. Ich kannte im Atelier einen sehr
netten, jungen Menschen, namens Boy er. Er war
begabter als irgendeiner von uns. Als er eines
Morgens erwachte, lag seine Geliebte neben ihm
als Leiche, sie war in der Nacht an einem Herz-
schlag gestorben. Zwei Tage lang war er wie ver-
steinert. Als er den Kirchhof verliess, bestieg er
einen der Trauerwagen und sagte zum Kutscher:
„Nach den Tuilerien." Dann grüsste er die Vor-
übergehenden aus dem Wagenfenster und behaup-
tete, der Vizekönig von Neapel zu sein. Als ich
ihn in Bicetre besuchte, war er von einer geradezu
überschwenglichen Heiterkeit. Noch an seinem
Todestage waren seine letzten Worte ein Dank
für die Regierung, die ihm eine so herrliche Resi-
denz angewiesen hatte. Der arme Junge!"

„Grössenwahn," sagte Arsene Houssaye.

„Meinetwegen," sagte Manet, „aber es Hesse
sich ein schönes Buch über den Grössenwahn schrei-
ben, denn, das muss man sagen, ein Jahrhundert,
das Verrückte, wie Cabaner, Chabrier, Baudelaire,
Villiers, Barbey, Verlaine, Mallarme etc. hervor-
gebracht hat, ist nicht zu verachten."

Madame Mery Laurent hatte aus Nancy eine
Vertrauensperson nach Paris mitgenommen, namens
Elisa, die ihr treu ergeben war. Elisa trieb einen
wahren Kultus mit Manet, sie hätte jedes für ihn
gethan. „Ich werde Ihnen Ihr Porträt in Pastell
schenken," sagte Manet eines Tages. Und er
hielt Wort, aber dies Porträt, das im ersten Ent-
wurf geblieben ist, sollte sein letztes Werk sein,
denn erst wenige Tage vor seinem Tode fing er an,
es zu skizzieren. Nicht etwa, dass es ihm an Lust
gebrach, es schon im Jahre 1878, als er sich noch
völlig gesund fühlte, zu malen; Elisa selbst
war es, die ihm wieder und wieder sagte, dass es
damit noch Zeit hätte, und dass es tausend wich-
tigere Dinge für ihn zu thun gäbe. Tag für Tag
überhäufte ihn Elisa mit ihren freundschaftlichen
Warnungen: „Nehmen Sie sich in acht, Herr Manet,
erkälten Sie sich nicht, schonen Sie sich, Sie arbeiten
zu viel, Herr Manet." Elisa hätte jedes Opfer ge-
bracht, um ihm einen Ärger oder eine Unannehm-
lichkeit zu ersparen.

Fortsetzung folgt.
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