Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 11.1913

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Weine Frankreichs: der Burgunder, durch eine
weibliche Gestalt mit braunen Haaren dargestellt,
der Bordeauxwein durch eine Frau mit kastanien-
braunem Haar, der Champagner durch eine Blon-
dine. Oder vielleicht Merkur mit seinem Schlangen-
stab und derlei Possen! Dann, die Geschichte von
Paris, und da meint man so selbstverständlich die
Geschichte der Vergangenheit, als ob man vom alten
Testament redet! Das neue etwa? Ja, prosit! Und
doch! welch Interesse hätten nicht später einmal
die Porträts der Männer, die jetzt die städtischen
Angelegenheiten leiten. Wenn wir nach Amster-
dam kommen, so überwältigt uns das Bild der
Sydnici. Warum: weil es der ehrliche Ausdruck
von etwas Gesehenem ist. Aber heutzutage er-
richtet man, wie es scheint, Monumente, um die
vorsündflutliche Geschichte Wiederaufleben zu las-
sen. Cavier ist der Gott.

Und doch muss man nur Augen haben, um zu
sehen. Giebt es, frag ich dich, etwas Lebensvolleres
als die Gruppe des Tanzes von Carpeaux auf der
Fassade der Oper: Wie diese Modernität absticht
von ihrer Umgebung, wie man gern alles herunter-
reissen möchte, was dahinter steckt!"

„Auch die Malereien von Baudry:" fragte ich
lächelnd.

„Ganz besonders die Malereien von Baudry.

Baudry ist unglücklich, dass das Foyer der Oper
dunkel ist, und man daher seine Malereien nicht
sieht. Wie unglücklich wäre er aber erst, wenn
man sie sähe! Er ist zu gescheit, um nicht zu fühlen,
dass sie nicht hingehören. Doch wenn ich sage,
man müsste die schlecht wirkenden Sachen herunter-
rissen, so ist das natürlich nur eine Redensart. Ich
bin im Gegenteil der Ansicht, dass man alles re-
spektieren soll, nur muss man jedes Kunstwerk in
den ihm zukommenden Rahmen setzen.

Weisst du was, Degas hätte das Foyer der
Oper ausmalen müssen, ich meine natürlich den
Degas nach der Semiramis. Er hätte da eine Reihe
unvergänglicher Meisterwerke geschaffen, voraus-
gesetzt, dass Herr Charles Garnier das Licht hätte
voll durch das Foyer fluten lassen. Ja, die Archi-
tekten von heutzutage mögen hervorragende Talente
in mancher Hinsicht sein, aber sie sind gar zu ängst-
lich in bezug auf Licht und Luft. Immer begnügen
sie sich mit kleinen Öffnungen und jämmerlichen
Fensterchen.

Aber um auf Herrn Ballu zurückzukommen.
Er fand ein herrliches Wort, um mich zu verab-
schieden: ,Es ist sehr interessant, was Sie mir da vor-
schlagen, aber ich bin nicht der Herr im Rathause,
schreiben Sie an den Seine-Präfekten.c Ich habe
geschrieben, aber niemals eine Antwort erhalten."

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EDOUARD MANET, SPANISCHES BALLET. 1862

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