Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 11.1913

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ganz künstlerisch zu werden, so schweben dem Maler
gleich auch Wirkungen des Fresko vor. Das Wort Fresko
aber wird bei uns immer nur mit einer Art vonmystischer
Ehrfurcht ausgesprochen. Es herrscht die Meinung, das
Fresko sei an sich schon etwas Höheres als die Staffelei-
malerei, in ihr sei das Geheimnis der Grösse und Tiefe.
Eine solche Meinung übt natürlich ihre Suggestion. Sie
treibt das Dekorationstalent Höhen zu, die ihm nicht
gemäss sind; aber sie wirkt auch veredelnd, entwickelnd
und die Kräfte stark anspannend.

das neue Kunstgewerbe in diesem frischen und fleissi-
gen Talent zu vergeistigen strebt und dass der neue
Jugenddrang in diesem Künstler verständig nach halb
gewerblichen Aufgaben greift. Auch die Glasfenster
Pechsteins, die Gottfried Heinersdorff ausführt und
wovon einige eben jetzt bei Fritz Gurlitt zu sehen sind,
weisen ja auf diesen Willen zum Kunstgewerbe. Pech-
stein fühlt wahrscheinlich selbst, dass die äusseren Be-
schränkungen, die zu Stilisierungen zwingenden Be-
dingtheiten der Technik, des Materials und der Zwecke

MAX PECHSTEIN, WANDDEKORATION

So kommt es, dass Pechstein uns mit seinen Wand-
malereien vor Versuche stellt, denen man unmöglich
ohne Anteil zusehen kann. Man erblickt nicht nur
eine Arbeit von symptomatischer Bedeutung für die
Zeit, sondern auch die ernste Talentprobe eines aus dem
Handwerk und der gewerblich angewandten Kunst her-
aus denkenden Dekorativen, den ein heftiger Höhen-
drang beseelt und mit dessen frischer Kraft man un-
willkürlich sympathisiert. Es wäre urteilslos, vor seinen
Wandmalereien von neuer Freskokunst zu reden oder
sonst grosse Worte zu gebrauchen; aber es ist immer-
hin auch der Rede wert, wenn wir sehen, dass sich

seiner Begabung wohlthätig sind. Sie objektivieren im
gewissem Sinne seinen dekorativ impressionistischen
Drang, der sich so schwer zu Bildeinheiten bändigen und
ordnen lassen will — wie es ebenfalls die interessante
Ausstellung bei Gurlitt beweist. Es ist bezeichnend,
dass in dieser Ausstellung mehr die ganzen Wände mit
vielen Bildern nebeneinander wirken als die einzelnen
Bilder. In diesem Sinne ist dem Künstler auch die frei
zusammengewachsene Bilderfolge an den Wänden des
Zehlendorfer Speisezimmers recht einheitlich gelungen.
Er hat auf laute und stark klingende Farben verzichtet
und koloristisch insofern zu stilisieren verstanden, als

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