Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 11.1913

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frau, verstehe der Geist, so ihm von Gott wurde ein-
geblasen und der Geist, den er aus Natur von der
Welt ererbet hatte, als der Jüngling". Der Jüngling
begehrt sich mit der Jungfrau zu „infizieren" und es
folgt das dreifache Wechselgespräch zwischen beiden, das
anklingend an die Liebesworte des hohen Liedes im
glühenden Werben des Jünglings, im demütigen Abweh-
ren der Jungfrau zum dichterisch tiefsten und pracht-
reichsten gehört, was die Werke Böhmes überhaupt ent-
halten. Endlich, in der höchsten Bedrängnis wendet sich
die Jungfrau um Rettung zu dem Herzen Gottes und
es wird ihr auf ihr Flehen die Antwort: des Weibes
Samen soll der Schlange, dem Wurm den Kopf zertreten;
und sie wird ihn in die Ferse stechen. „Darum, so ist
das nun der Grund in einer Summa, vom Fall Adams
zu reden in der höchsten Tiefe: Adam hat durch seine
Lust verloren die Jungfrau, und hat in seiner Lust emp-
fangen das Weib . . ., und die Jungfrau wartet seiner
noch immerdar, ob er will wieder treten in die neue
Geburt, so will sie ihn mit grossen Ehren wieder anneh-
men." Sie überstrahlt auch in der Schwindschen Kom-
position den mächtig aufstrebenden, seine Aste von
Orient bis in den Occident — Pyramiden links, gotische
Bauten rechts — breitenden, mit viel tausend Legionen
köstlicher Zweiglein besetzten Baum, der nach der
Vorrede der Aurora in breit durchgeführter Allegorie
die Gesamtheit der Menschheitsentwicklung darstellt.

Wahrend Runge sich tief und immer tiefer in den
Irrgarten der Böhmischen Mystik verlor hat Schwind,
wie es scheint nur flüchtig in ihm verweilt. Ausser in
dem Adamblatt ist nur noch in der 1823 entstandenen
Folge von Sechsundsechzig Federzeichnungen, die unter
dem Namen der „Gräber oder Todesgedanken" bekannt
ist, der Einfluss Böhmischer Mystik zu spüren. Ganz
Böhmisch zeigt hier eine Vignette die Lilie, die auf
einem Abschnitt der Weltkugel erblühend die Wasser-
Matrix durchdringt und in den Feuerkreis der Sonne
aufwächst, eingeschlossen von dem Symbol der Seele,
als dem „Feuerwall der Essenz" in Gestalt der Schlange,
die sich selbst in den Schwanz beisst; ein anderes Mal
erscheint derselbe flammende Schlangenring allein, ein-
gemeisselt in einen Felsblock und zum dritten blumen-
bekränzt den Ternar in Gestalt eines strahlenden Drei-
ecks umfassend. Schliesslich mag auch das Bildchen
zweier Blumenkränze windender Engel von der Schil-
derung des paradisischen Treibens der Engel einge-
geben sein, von denen es in der „Aurora" heisst: „den
kleinen Kindern will ich sie recht vergleichen, die im
Maien, wenn die schönen Röselein blühen, miteinander

in die schönen Blümlein gehen, und pflücken derselben
ab, und machen feine Kränzlein daraus, und tragen die
in ihren Händen und freuen sich, und reden immerdar
von der mancherlei Gestalt der schönen Blumen."

Wie weit freilich im Einzelnen hier und auch bei
der Auswahl der Blumen, die den Menschheitsbaum des
Adamblattes bilden, Böhmes Blumensymbolik den Aus-
schlag gegeben hat, wie weit Schwind sich frei der all-
gemeingültigen romantischen Blumensprache bedient
hat, wird kaum zu entscheiden sein. Es ist auch so be-
langreich nicht. Was Tieck in der späten Novelle „die
Sommerreise" da, wo er, abgekühlt, auf die Zeit schwär-
mender Jugend zurückblickt an Runge tadelt, er sei
„mehr wie einmal mit dem Symbol und der Allegorie
in die zu willkürliche Bezeichnung, in die Hieroglyphe
gefallen", mag man hin und wieder auch den Blumen-
spielen der Schwindschen Jugendwerke nachsagen. Doch
bleibt das meiste hier leicht zu lösen. Die goldnen
Ähren und die Trauben, die Lilie, die Rose und die
Eichenzweige sprechen ihre Bedeutung als Leib und
Blut des Erlösers, als Reinheit und Liebesfülle der Jung-
frau, als Kraft des Jünglings selbst aus, und so wird man
die blauen Blumenglocken in der Höhe gern auch als
Symbol der klaren Himmelsbläue, die sieben zu schil-
lerndem Knaul verschlungenen Schlangen als Symbol
der „sieben Spezies oder Gestalten der Sünde" und
den Korallenzweig in Adams Hand als das Szepter des
ersten Menschen im Reiche der Wasser-Matrix gelten
lassen.

Überhaupt aber erscheint die Komposition Schwinds
im Vergleich mit dem vierteiligen Aufbau der Rungi-
schen Tageszeitensymphonie, leichter, hymnisch gefügt.
Ihr zeichnerischer, ihr zarter golddurchwirkter Farben-
reiz spricht ganz unmittelbar zu den Sinnen. Dem tief-
bewegten, gedanklich doch überlasteten, bis ins Letzte
hinein Form und Gehalt konstruierenden Temperament
des Norddeutschen tritt hier das quellend leichtblütig
schaffende, das recht wienerisch unbekümmerte Tempe-
rament des Osterreicheis gegenüber.

Wenn Philipp Otto Runge dem Übermass seines
Wollens erliegen musste, so strahlt das leichter geschaf-
fene Werk Schwinds in heiterem Glänze. So weit er
sich auch bald von solcher jugendlichen Mystik entfer-
nen sollte, wirklich steckt doch das ganze beglückend
leicht gestaltende Wesen des Mannes schon in diesem
Hauptwerk seiner Jugend, das uns mehr ist als das Ein-
zelwerk des Einen: das letzte Symbol einer verklungenen
Epoche deutschen Geisteslebens, ein in klarem Spiegel
aufgefangenes Bild der Blütezeit der Romantik.

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