Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 11.1913

Page: 388
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lini und Tizian gewonnen hat, Tintoretto gegenüberzu-
treten. Bei solcher Gelegenheit zeigt sich der Pferde-
fuss der mechanischen Methode. In jeder Kunstbetrach-
tung handelt es sich um Wertungen. Weil sich Tinto-
retto von den Grundsätzen des klassischen Kolorits ent-
fernt, hat man noch keinen Grund ihn einen Manieristen
zu nennen und von etwas roh suggerierter „Vitalität"
zu sprechen. Vielleicht hat die Verfasserin Recht mit
der Behauptung, dass bei Tiepolo und in seiner Epoche
der „zweiten Blüte" jene klassischen Grundsätze wieder-
aufgenommen seien. Aber was sagt das? Wenn sie mit
ihrem verklärenden Hymnus auf diese Epoche merken
lässt, dass hier etwas Grösseres liege als in Tintoretto,
dann weiss man wohl wie sie es meint: „als Koloristen
genommen". Aber dann ist eben der an Tintoretto ange-
legte Maassstab ein falscher, dann darf man ihn eben
nicht rein als Koloristen nehmen. Und diese Gefahr
hätte sich vermeiden lassen, wenn für die Betrachtung
der Gesichtspunkt der gesamten Farbenkomposition
massgebend gewesen wäre. Dann hätte jeder sehen

müssen, wo die grossen Werte des Sichversenkens und
die kleineren des flüchtigen Schmückens liegen. Man
soll gewiss Tiepolo nicht unterschätzen und man wird
gewiss aus Tintoretto keinen Unfehlbaren machen. Auch
gegenüber grossen Meistern braucht die Kritik nicht zu
schweigen, vorausgesetzt, dass sie nicht mit untauglichen
Maassstäben arbeitet. Aber auf alle Fälle sollte man
nicht vor grossen Meistern die Hochachtung verlieren,
bloss weil man glaubt, sie kritisieren zu können. „L'exces
de critique engendre i'inintelligence", schreibt Flaubert
einmal an George Sand. — Weil die in diesem Buche
angewandte Methode vor solchen Abwegen nicht be-
wahrt hat, weil der Maassstab der Kritik sich als unzu-
reichend erwies, sei gewarnt vor Nachahmung und
weiterer Verallgemeinerung dieses Prinzips. So wichtig
alle Einzelheiten auch sind und so notwendig es ist, sie
genau zu studieren, wir dürfen deshalb doch die letzten
Werte nicht aus den Augen verlieren, nicht den Maler
über den Koloristen und nicht den Künstler über dem
Dekorateur vergessen.

ERKLÄRUNG

Die Westdeutsche Verlagsgesellschaft m. b. H. Wiesbaden kündigt ein Werk „Das Deutsche Landhaus"
an und nennt an zweiter Stelle den Mitunterzeichneten, „Geheimen Regierungsrat Dr. Ing. H. Muthesius" als Mit-
arbeiter. Da dieser dem Verlage niemals Arbeiten zur Veröffentlichung überlassen hat, forderte er die Verlags-
gesellschaft zur Erklärung über diesen Missbrauch seines Namens auf. Die Nennung seines Namens als Mit-
arbeiter wurde als Versehen des buchhändlerischen Angestellten und gar nicht in den Intentionen des Verlages
liegend, bezeichnet. Trotzdem wird ein Waschzettel über das Buch an die Zeitungen versandt, der den Namen
Hermann Muthesius ebenfalls an hervorragender Stelle als Mitverfasser nennt.

Bei näherer Untersuchung stellt sich heraus, dass der Verlag zwei Besprechungen über von dem Mit-
unterzeichneten Muthesius gehaltene öffentliche Vorträge, die zum Teil um Jahre zurückliegen, anscheinend
aus Tageszeitungen aufgenommen hat, sie jedoch als selbständige Artikel, die unter der Überschrift Hermann
Muthesius als Verfasser nennen, vorführt.

In der Zeitschrift „Heimkultur", die diese Verlagsgesellschaft herausgibt, werden ferner eine Reihe von
Aufsätzen von dem Mitunterzeichneten Karl Scheffler gebracht. Diese' Aufsätze sind Teile des Sammelwerkes
„Moderne Kultur", das Prof. Ed. Heyck bei der Deutschen Verlagsanstalt, Stuttgart, im Jahre 1907 hat erscheinen
lassen. Die Erlaubnis zu einem Abdruck mit Quellenangabe ist laut Erklärung der Deutschen Verlagsanstalt vor
sechs Jahren derZeitschrift„Das Landhaus", die früher ebenfalls in dem Wiesbadener Verlag erschien, erteilt worden.
Doch hat nun die Zeitschrift „Heimkultur" diese Aufsätze ohne Quellenangabe und ohne den Verfasser zu fragen,
so abgedruckt, dass sie wie selbständige Beiträge erscheinen. Auf Reklamation hat die Redaktion der „Heim-
kultur" auch hier ein Versehen vorgeschützt, und sich geweigert, Schadenersatz in geforderter Höhe zu leisten.

In beiden Fällen ist mit Erfolg der Anschein erweckt, als gehörten die Unterzeichneten zu den Mitarbeitern
der Westdeutschen Verlagsgesellschaft. Sie wollen nicht verfehlen, auf dieses unlautere Vorgehen der West-
deutschen Verlagsgesellschaft hiermit öffentlich hinzuweisen. Sie geben die Erklärung ab, dass sie nie das Ge-
ringste mit diesem Unternehmen zu thun gehabt und in keiner Weise mit ihm in Verbindung gestanden haben.

Berlin, März 1013 Karl Scheffler Hermann Muthesius

ELFTER JAHRGANG. SIEBENTES HEFT. REDAKTIONSSCHLUSS AM 17. MÄRZ. AUSGABE AM I. APRIL NEUNZEHNHUNDERTDREIZEHN
REDAKTION: KARL SCHEFFLER, BERLIN; VERLAG VON BRUNO CASSIRER IN BERLIN. GEDRUCKT IN DER OFFIZIN

VON W. DRUGULIN ZU LEIPZIG
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